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Fantasybuch Rezension “Der dunkle Turm (II) – Drei” von Stephen King (1987)

“Drei” oder im Original “The Drawing of the Three” ist der zweite Teil des Dunkle-Turm Zyklus von Stephen King und stellt eine unmittelbare Fortsetzung des ersten Teils “Schwarz” (“The Gunslinger”) dar. Stephen King veröffentlichte den Zyklus nicht auf einmal, sondern mit jahrelangen Pausen dazwischen, sodass der Leser zwischen Teil I aus dem Jahr 1982 und Teil II aus dem Jahr 1987 rund fünf Jahre warten musste. Zwischen dem kommenden Teil III, welcher erst 1991 erscheinen sollte, lagen ebenso weitere fünf Jahre.

Stephen King “Der dunkle Turm (II) – Drei” (1987), CropTop

Stephen King “Der dunkle Turm (II) – Drei” (1987), CropTop

Einleitung

Stephen King “Der dunkle Turm (II) – Drei” (1987), Buchdeckel

Stephen King “Der dunkle Turm (II) – Drei” (1987), Buchdeckel

Zwischen Teil I und Teil II publizierte Stephen King zahlreiche weitere Romane, unter anderem “Christine” (1983), “Friedhof der Kuscheltiere” (1983), “Der Talisman” (1984) mit Peter Straub, “Der Fluch” (1984) unter dem Pseudonym Bachmann, “Es” (1987) oder “Die Augen des Drachen” (1987). Aber anders als der erste Teil ist der seinem Sohn gewidmete zweite Teil wesentlich flüssiger geschrieben als der Zyklusstart und eine in sich geschlossene Geschichte.

Formaler Aufbau

Formal ist der zweite Teil ähnlich wieder in Teile gesplittet, wie auch die meisten anderen King-Romane, wobei die Kernteile jene drei Geschichten umfassen, die im Mittelpunkt stehen und jeweils das “Auswählen” von einer Person umschreiben (Gefangene, Herrin der Schatten, Mörder):

  • Vorrede
  • Prolog: Der Seefahrer
  • Der Gefangene
  • Mischen
  • Die Herrin der Schatten
  • Neuerliches Mischen
  • Der Mörder
  • Letztes Mischen
  • Nachwort

Worum geht es?

Diese drei Kerngeschichten setzen eine Weissagung des Schwarzen Mannes aus dem ersten Teil um, der ihm per Tarotkarten propheizeite, der Revolvermann werde in weiterer Folge drei Personen wählen und zu seinem Gefolge hinzufügen.

Zu Roland und dem Dunklen Turm selbst hat Stephen King offenbar selbst nur eine rudimentäre Vorstellung, auch wenn vieles daran (erneut) an die Idee aus “Der Talisman” erinnert. Im Vorwort des Romans gibt King ein paar Vorstellungen davon preis, auch wenn diese immer noch verschwommen wirken und King so frei ist außerdem die ‘Wir’-Form zu verwenden:

“Wer genau ist Roland? Wie war seine Welt, bevor sie sich ‘weitergedreht’ hat? Was ist der Turm, und warum sucht er ihn? Darauf wissen wir nur bruchstückhafte Antworten. Roland ist der Revolvermann, eine Art Ritter, einer derjenigen, deren Aufgabe es war, eine Welt, welche von ‘Liebe und Licht erfüllt’ war, wie Roland sich erinnert, zu bewahren; zu verhindern, daß sie sich weiterdreht. Wir wissen, daß Roland zu einer frühen Mannbarkeitsprobe gezwungen war (.) … Was wissen wir sonst noch? Daß die Welt des Revolvermannes nicht völlig von unserer verschieden ist. Artefakte wie Benzinpumpen und bestimmte Songs (‘Hey Jude’ zum Beispiel doer die Zote, die mit den Worten ‘Bohnen, Bohnen, das musikalische Gemüse …’ anfängt haben überlebt; ebenso Geräusche und Rituale, welche unseren verklärten Ansichten über den amerikanischen Wilden Westen seltsam ähneln. Und es existiert eine Nabelschnur, die unsere Welt irgendwie mit der des Revolvermannes verbindet.”

Etwas später im Roman, genauer gegen Ende, lässt King Roland noch einen Traum vom Dunklen Turm haben, in welchem er innerhalb des Turms eine Treppe sieht, über die alle Menschen, die ihn begleitet haben, aber inzwischen tot sind, hinaufsteigen lässt und ihn zu sich rufen.

Der Roman selbst setzt nahtlos an jenem Strand im Westen fort, an welchem er im ersten Teil aufgehört hat und zwar weniger als sieben Stunden nach dem Ende von Teil I. Als Roland aufwacht, merkt er, daß er im Wasser liegt und seltsame Monsterhummer nähern sich ihm kriechend. Sie stellen seltsame Fragen (‘Did-a-chick? Dum-a-chum? Dad-a-cham? Ded-a-check?’) und scheinen auch über eine Basis-Intelligenz zu verfügen, bevor sich der Revolvermann aber versieht, beißen sie ihm ein paar Finger ab und er entkommt ihnen nur knapp, bevor er ganz gefressen wird. Dieser Willkommensgruß wird ihn über den Rest des Romans verfolgen, da er eine Blutvergiftung von der Begegnung davonträgt, die ihn mehrmals beinahe tötet und nur durch Medikamente aus der ‘anderen Welt’, in die er eintaucht, bewältigt werden kann.

Dazwischen liegt drei Mal das gleiche Prozedere, nämlich daß plötzlich eine einzelne Tür am Strand steht, die nur Roland öffnen kann und mit Hilfe derer er in den Geist einer anderen Person in einer anderen Zeit eindringt. Geographisch ist es aber immer dieselbe Stadt, nämlich New York, in welcher sich die Personen befinden. Roland sieht die Welt des anderen nicht nur durch diese Tür, sondern er kann auch den anderen Geist beherrschen, indem er ‘nach vorne kommt’ und Objekte wie auch ganze Menschen aus der anderen Welt in seine mitnehmen (aber nicht umgekehrt).

  • DER GEFANGENE:
    Der erste dieser drei ist ein Heroinsüchtiger namens Eddie Dean, der gerade in einem Flugzeug im Jahr 1987 sitzt, um Drogen in die USA zu schmuggeln. Er ist der ‘Gefangene’ aus den Tarotkarten des Schwarzen Mannes, sein Gefängnis die Drogen. Roland rettet ihn aus mehreren schwierigen Situationen, als der Schmuggel aufzufliegen droht und nimmt ihn mit in seine seltsame Strandwelt mit fragenden Hummern, wo er gezwungenermaßen auch einen Entzug durchmachen muß.
  • HERRIN DER SCHATTEN:
    Weiter entfernt am Strand steht die zweite Tür, hinter ihr findet er Odetta Holmes oder auch Detta Walker, eine schizophrene Bürgerrechtlerin aus dem Jahr 1964, die sich ihrer zwei Identitäten zunächst nicht bewusst ist. Sie ist die ‘Herrin der Schatten’ aus den Tarotkarten und hatte im Vorfeld zwei Unfälle: als Kind wurde ihr ein Backstein auf den Kopf geworfen, der die Schizophrenie maßgeblich gefördert hatte, als junge Frau wurde sie schließlich auf ein Bahngleis gestoßen, wodurch sie ihre Beine verlor. Ihre Anwesenheit wird die weitere Reise zunächst erheblich verlangsamen, einereits weil der Rollstuhl von Odetta schwer durch den Sand zu bewegen ist und andererseits weil ihr alter Ego Detta alles tut, um die beiden zu töten oder zu behindern. Gleichzeitig verliebt sich Eddie aber auch in Odetta und versucht ihr zu helfen.
  • DER TOD:
    Ihr Schicksal hängt unmittelbar mit jener Person zusammen, die sich hinter der dritten Tür befindet, nämlich Jack Mort, einem Buchhalter, dessen Hobby es ist, andere Leute zu stoßen oder etwas auf sie zu werfen und er war es auch, der Odetta zum Krüppel machte. Ihn nimmt Roland nicht mit in die Strandwelt, sondern tötet ihn, indem er ihn vor den gleichen Zug wirft, wie einst Odetta. Damit ist auch die dritte der Karten erfüllt, nämlich der ‘Der Tod’, der vom Schwarzen Mann prozephezeit wurde, aber nicht ihm gelten sollte – denn die dritte Figur der Tarotkarten ist er selbst. Indem er diesen Tod zeitgleich Odetta durch die Tür zeigt, heilt er sie gewissermaßen auch und vereinigt die zwei Personen Odetta und Detta zugleich in eine dritte, nämlich Susannah.

Für Roland stellt sich die Tür als eine Art Fahrersitz für den Geist des anderen dar:

“Es war keine Tür. Es waren Augen. … Er sah durch die Augen eines anderen. … In jenem ersten Augenblick, als er ganz vorne gewesen war (anders konnte er es nicht beschreiben), war er mehr als im Inneren; er war beinahe der Mann gewesen. … Roland begriff, daß er die Kontrolle über den Körper dieses Mannes erlangen konnte, sollte es nötig sein.”

Für den anderen oder sein Umfeld allerdings eher als schizophrene Besessenheit, die zumindest über die wechselnden Augen auch nach Außen sichtbar ist:

“Aber plötzlich schien es, als wären das nicht seine eigenen Augen da im Spiegel, nicht Eddie Deans mandelbraune, fastgrüne Augen, …, nicht seine Augen, sondern die eines Fremden. Nicht Mandelbraun, sondern Blau von der Tönung verwaschener Levis. Augen, die kalt und präzise waren, unverwartete Wunder des Zielens. Kanoniersaugen. Er sah – ganz deutlich – die Spiegelung einer Möwe in ihnen, die auf eine brechende Welle herabstieß und etwas daraus schnappte. … Er spürte deutlich einen neuen Verstand in seinem eigenen, und er hörte einen Gedanken, der nicht sein eigener Gedanke war, sondern mehr wie eine vom Funkgerät übermittelte Stimme.”

Der Zusammenhang zwischen den Welten bleibt über weite Strecken des Romans kryptisch und nur an manchen Stellen wird immer wieder die Idee der Welt, die sich weiterdreht (oder eben nicht) durch Roland rezitiert und seine Umgebung damit als eine Art ‘Nachwelt’ zu unserer beschreiben:

“Sie sind so, wie sie sind, weil sie im Licht leben, dachte der Revolvermann plötzlich. Dem Licht der Zivilisation, das du, wie man dir beigebracht hat, mehr als alles andere verehren sollst. Sie leben in einer Welt, die sich nicht weitergedreht hat. … ‘Das war, bevor die Welt sich weitergedreht hat’ sagten die Menschen in seiner Welt, und es wurde stets in einem Tonfall der Trauer um den Verlust ausgesprochen … aber möglicherweise war es Trauer ohne Nachdenken, ohne Bedacht. … Er war der letzte Revolvermann, der in einer Welt, die schal und steril und leer geworden war, unablässig weitermachte.”

Dieses eher an Planet der Affen erinnernde Bild ist auch alles, was King zu diesem Zeitpunkt preisgibt. Viel mehr, als das Abstecken von Grenzen seines Romanzyklus beschreibt er in diesem Teil letztlich ‘nur’ die Geschichte um die drei Türen und das Auswählen der Personen und ihre Interaktionen miteinander. Kurz taucht auch eine weitere Person auf, die im ersten Teil eine grundlegende Rolle gespielt hat: Jake. Als er in den Körper des Mörders eintaucht, rettet er ihn davor, von ebendiesem auf die Straße gestoßen zu werden, nicht allerdings ohne im Hinterkopf etwas unscharf zu haben, daß jener Tod, der ihn in die Raststätte des ersten Teils führen sollte, erst einige Wochen später durch den Schwarzen Mann eintreten sollte. Und auch eine zweite, inzwischen schon von zahlreichen Romanen bekannte Figur taucht ebenfalls wieder auf: Flagg. Zwar nur kurz als Erinnerung von Roland als einem Mann, den er als Dämon beschreibt und der im Moment des Untergangs seines Landes auftauchte, aber nur allzu klar an die gleichnamige Figur in “Die Augen des Drachen“, “Der Talisman” oder “The Stand” erinnert – die mythische King-Figur allen Bösen.

Mein Fazit

Abgesehen von den verworrenen Verbindungen der Romane, die mit zunehmenden Teilen sicher komplizierter wurden, ist der zweite Teil irgendwie schon interessant, aber nicht so reichhaltig wie der erste. Es ist ein flüssig geschriebener, kompakter Roman, der einen Auszug des ersten näher beschreibt, aber ihn in seiner Fülle bei weitem nicht erreicht. Er hat den Spannungsgrad eines Serienfilms und im Nachwort gibt King auch einen Ausblick auf die kommenden Romane der Serie und ihre Inhalte (auch wenn diese erst Jahre später erschienen) und seine eigene Motivation:

“Wissen Sie, dieses Werk scheint meine eigener Turm zu sein; diese Menschen verfolgen mich, allen voran Roland. Weiß ich wirklich, was der Turm ist und was Roland dort erwartet (sollte er ihn erreichen; und Sie müssen sich auf die sehr reale Möglichkeit vorbereiten, daß er nicht derjenige sein wird, dem es gelingt)? Ja … und nein. Ich weiß nur, daß mich die Geschichte über einen Zeitraum von siebzehn Jahren hinweig immer wieder gerufen hat. Dieser längere zweite Band läßt immer noch viele Fragen unbeantwortet, und der Höhepunkt der Geschichte liegt noch in ferner Zukunft, aber ich finde, es ist ein wesentlich in sich abgeschlossener Band als der erste. Und der Turm ist nähergerückt.”

Vielleicht ist es letztlich auch das, was mich etwas enttäuscht hat – daß King in diesem zweiten Band nun beginnt, die Inhalte des ersten Teils zu ‘füllen’ und sie in logisch korrekte Zusammenhänge zu bringen. Dieser Umstand wäre eventuell gar nicht notwendig gewesen, da der Reiz der Geschichte gerade in der freien Assoziation und Interpretationsvielfalt lag und nicht in der schrittweisen Aufklärung.

Verbindungen

Verbindung: “Der dunkle Turm (Zyklus)
Verbindung: “Der Talisman
Bibliographie

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