24 dunkle Gedichte für die Schattenzeit, frei nach Edgar Allan Poe bzw. in seinem Stile.
Der Engel aus Rauch
Ich sah ihn eines Abends steigen,
als die Laterne vor dem Haus
mit düstrem Schein begann zu neigen
ihr Licht wie eines Traumes aus.
Ein Rauch stieg auf – zuerst nur leicht,
ein hauchdünner, verfloss’ner Schleier.
Doch dann nahm er Gestalt, erreicht
von unsichtbarem Weltenfeuer.
Ein Engel – doch nicht wie in Büchern,
nicht mild, nicht froh, nicht fromm, nicht hell.
Sein Körper flackerte in Tüchern
aus Schatten, Rauch und Winterfell.
Sein Blick war tiefer als die Nacht,
die sich um meine Seele wand.
Er sah mich an – ganz ohne Macht,
doch spürt’ ich seine kalte Hand.
Er trug kein Schwert, er trug kein Licht,
er trug ein Echo, schwach und fein.
Ein Echo aus der Welt, die bricht,
wenn Menschen ihren Frieden schrein.
Er sprach kein Wort, doch war zu hören,
was niemals einer Stimme gleicht:
Ein Seufzen, das begann zu stören,
weil es wie Zeit im Raum entweicht.
Und als er stieg, so still, so weit,
verlor sein Flügel Form und Schwung.
Ich dachte erst, ich wär bereit –
doch blieb zurück mit alter Dunkelung.
Ein Engel aus Rauch, so fremd, so wahr,
der nur erscheint, wenn Nacht sich biegt.
Er sagt nicht viel – doch offenbar
zeigt er, was tief im Menschen liegt.

















