Edgar-Allan-Poe-Adventskalender: Türchen 22

24 dunkle Gedichte für die Schattenzeit, frei nach Edgar Allan Poe bzw. in seinem Stile.

Die Lampe des Vergessens

Es war im Dachgeschoss des Hauses,
wo Spinnenfäden wie Erinnerungen hingen,
da stand die Lampe – alt, vom Graues
der Jahre stumm, doch voller Dingen
aus längst versunkener Vergangenheit.

Ihr Schirm war schief, ihr Licht so matt,
als könne sie durch Finsternis schreiten
und doch nicht löschen, was sie hat.

Eines Abends, als der Frost
ans Fenster schrieb in kaltem Reim,
da wagte ich es, ohne Trost,
die Lampe anzuzünden – klein,
doch stark genug, den Raum zu fassen.

Ein Zittern ging durch Wand und Boden,
die Schatten zuckten wie die Massen
verdrängter Träume, unerlodern.

Und plötzlich schien die Lampe stark,
so stark, als trüge sie ein Herz,
das nie erlosch und nie versank
in Dunkel, Feuer, Seelenmerz.

Doch dann – ein Licht, so fremd, so neu,
das nicht aus dieser Lampe kam.
Es breitete sich wie ein Geheul,
das aus den tiefsten Jahren nahm.

Bilder, die ich längst vergaß,
standen still im Lampenschein:
Die Kindheit, die ich überschritt,
Gesichter von Verlorensein.

Und als das Licht dann wieder brach,
verstummten alle Räume still.
Die Lampe glomm, so zart wie schwach –
als wüsste sie genau, was ich nun will.

Sie hatte nicht mir Licht geschenkt –
sie hatte mir das Dunkel gezeigt.
Und alles, was ich je verdrängt,
war plötzlich da – und blieb und schweigt.

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