24 dunkle Gedichte für die Schattenzeit, frei nach Edgar Allan Poe bzw. in seinem Stile.
Der Nachtwindträger
Der Wind der Nacht trägt mehr als Kälte,
mehr als den Duft von Schnee und Stein.
Er trägt Geschichten, dunkle Welten,
und manchmal trägt er Seelen ein.
Ich ging allein den Hügelpfad,
der Mond stand schief wie müdes Blei,
und jedes Zweiglein, das mich bat,
klang wie ein Flüstern aus der Zerrei.
Da hob der Wind ein Wispern an,
zuerst so fern wie fernste Meere,
dann näher – wie ein alter Mann,
der durch die Zeit nach Stimme spähe.
Er sprach in Worten ohne Form,
in Tönen, die ich kaum verstand,
doch dennoch traf mich, weich und warm,
sein kalter Hauch wie Menschenhand.
„Du wanderst tief in fremden Stunden“,
so klang es leis durch Ast und Moos,
„und trägst in dir die alten Wunden,
die man nur nachts zu tragen weiß, erbost.“
Ich blieb erstaunt, den Blick erhoben,
die Nacht so still wie Totenraum.
Der Wind jedoch – er schien verwoben
mit Dingen aus dem letzten Traum.
Und plötzlich nahm er etwas mit,
etwas, das tief in mir versteckt.
Ein Schmerz, ein Wort, ein kleiner Schnitt –
als hätt er mich vom Sturm bedeckt.
Am Ende stand ich leer und wach,
der Wind verwehte mein Gesicht.
Und seitdem weiß ich:
Manche Nacht
nimmt mehr, als sie im Schatten bricht.

















