Edgar-Allan-Poe-Adventskalender: Türchen 24

24 dunkle Gedichte für die Schattenzeit, frei nach Edgar Allan Poe bzw. in seinem Stile.

Die letzte Tür

Die letzte Tür des langen Jahres
stand offen, ohne Laut, ohne Gewalt.
Ich wusste nicht, ob ich gewahr es,
dass dieser Abend anders halt.

Die Luft war schwer wie tausend Nächte,
die Flocken schienen kaum zu fallen.
Ein Flüstern zog durch alle Schächte,
als würde jemand still mich rufen – allen
Mut verlassend, trat ich näher.

Der Türrahmen war aus dunklem Holz,
vom Alter rissig, doch nicht leerer
als das, was ich in mir verort’.

Ein Sog ging aus der Schwärze dort,
ein Atmen – rau, doch ohne Hast.
Ich fühlte, wie mein eignen Wort
vergessen ward in dieser Last.

Und dann –
ein Licht.

So sacht, so klein,
als brenne es schon seit Jahrhunderten.
Ich trat hinein.

Ein Raum.
Ein Baum.
Ein stiller Schein.
Kein Fest, kein Schmuck, kein Funkeln drinnen.
Nur Stille, die im Kreis sich wand.

Ich sah den Schatten eines Kindes spinnen
im Licht, als spielte es mit Sand.

Die Tür schloss sich
ohne Klang.

Und plötzlich wusste ich, was war:
Ich stand im Echo, fern und lang,
von allem, was mein Jahr gebar.

Die letzte Tür –
sie führt nicht fort.
Sie führt zurück
an deinen Ort.
Doch nie auf gleiche Weise mehr.
Denn jede Nacht,
sie trägt ein Meer
von dem, was war –
und bleibt
und schwer.

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