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Fantasybuch Rezension “Der dunkle Turm (I) – Schwarz” von Stephen King (1982)

Der Roman “Schwarz” bzw. in englisch “Gunslinger” ist der erste Teil des zwischenzeitlich achtteiligen Romanzyklus „Der dunkle Turm“ von Stephen King, der zunächst etwas unüblich erscheint, da King sowohl sprachlich als auch inhaltlich neue Ansätze versucht. Allein aus dem Umstand, daß King rund 12 Jahre daran schrieb, läßt sich schon ermessen, daß es auch nicht immer ein ganz einfaches Buch war. Für mich persönlich insgesamt ein durchwegs reizvoller Roman.

Stephen King “Schwarz” (1982), CropTop

Stephen King “Der dunkle Turm (I) – Schwarz” (1982), CropTop

Einleitung

Stephen King “Schwarz” (1982), Buchdeckel

Stephen King “Der dunkle Turm (I) – Schwarz” (1982), Buchdeckel

Anders als zahlreiche andere Romane von King wird nicht ein typisches Horror-Thema strapaziert (wie z.B. Vampire in “Brennen muß Salem“, Zombies in “Friedhof der Kuscheltiere“, Telekinese in “Carrie“, das Zweite Gesicht in “Shining“, Besessenheit in “Christine“) oder leidvoll der klassische Fantasy-Bereich versucht (wie z.B. “Die Augen des Drachen” oder “Der Talisman“), sondern es ist ein recht eigenwilliges Mischmasch aus Apokalypse à la “The Stand” vermengt mit einigen SF/Horror-Elementen.

Noch bin ich mir nicht sicher, ob mir der, am ehesten dem Fantasy-Bereich zuordenbare, Zyklus gefällt, denn der erste Teil ist etwas reduziert ausgefallen, aber zumindest versucht sich King damit einmal zur Abwechselung mit einer etwas interessanteren Variante des Schreibens. Zeitlich ist es eher früh erschienen, nämlich im Jahr nach “Cujo” und zeitgleich mit dem Bachmann-Alias “Menschenjagd“, aber vor den Klassikern wie “Christine“, “Friedhof der Kuscheltiere” oder “Der Talisman“. Der Grund warum ich es erst jetzt gelesen habe, war schlichtweg der Umstand, daß ich die Teile zumindest einigermaßen hintereinander lesen wollte.

Formaler Aufbau

Formal verwendet King wieder die Einteilung in 5 Teile, wobei diese im Gegensatz zu anderen Romanen von der Seitenanzahl aber etwas schmäler ausgefallen sind:

  1. Teil: Der Revolvermann
  2. Teil: Das Rasthaus
  3. Teil: Das Orakel und die Berge
  4. Teil: Die Langsamen Mutanten
  5. Teil: Der Revolvermann und der Mann in Schwarz
  6. Nachwort

Worum geht es

Etwas schwieriger ist allerdings der Inhalt zu beschreiben, da die längste Zeit nicht wirklich klar ist, in welcher Zeit der Roman spielt bzw. ob es sich um eine reine Fiktion handelt oder etwa ob die Darsteller überhaupt leben bzw. in einer Zwischenwelt nach dem Tod existieren. Mit der Zeit kristallisiert sich aber zunehmend heraus, daß die ganze Geschichte als SF/Fantasy konzipiert ist mit – natürlich – einigen philosophischen Ideen von King dazu, allerdings zugegebenermaßen nicht ganz so platt wie sonst.

Im Mittelpunkt steht der sogenannte “Revolvermann”, von dessen englischer Übersetzung “Gunslinger” er auch den Romantitel hat. Er verfolgt den (ebenso) sogenannten “Schwarzen Mann” und schafft es ihn am Romanende auch endlich einzuholen und zu stellen. Die Verfolgung beginnt zunächst am Rande der (fiktiven) Mohainewüste: Im Dorf Tull hat der Schwarze Mann, der einen Zauberer in einem langen schwarzen Gewand beschreibt, einen Toten, der nach “Teufelsgras” süchtig war, wieder zum Leben erweckt und zugleich die hiesige Priesterin für sich eingenommen.

Als der Revolvermann dort Station macht, stachelt sie die Bevölkerung gegen ihn auf, sodaß sie ihn angreifen – allerdings mit dem Ergebnis, daß der Revolvermann ein Massaker an der Dorfbevölkerung ohne Überlebende verursacht. Der Revolvermann flüchtet in die scheinbar endlose Wüste und trifft dort auf den kleinen Jungen Jake, der allein auf einer verlassenen Raststation sitzt, ohne daß er weiß wie er dort hin gekommen ist. Das letzte, an was er sich erinnert, ist ein Autounfall in einer modernen Großstadt, bei welchem der Schwarze Mann mutmaßlich beteiligt war und den er nicht überlebt hat.

Miteinander setzen sie die Verfolgung fort und gelangen schließlich an den Fuß einer Bergkette, wo sie auf ein Orakel in Form eines Waldgeistes bzw. Sukkubus treffen. In ihrer Weissagung wird der Revolvermann auf drei Wesen treffen, die sein Leben bestimmen und die ihn aber schlußendlich zu seinem weiteren Ziel, dem Turm führen:

“Drei. Das ist deine Schicksalszahl. … Drei ist im Herzen des Mantras. … Der erste ist jung und dunkelhaarig. Er steht am Rand von Raub und Mord. Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen. Der Name des Dämons heißt HEROIN. … (Die zweite) kommt auf Rädern. Ihr Verstand ist hart wie Stahl, doch ihr Herz und ihre Augen sind weich. Mehr sehe ich nicht. … (Der dritte ist) in Ketten. Du wirst mit ihm sprechen. Wovon werden wir sprechen? Von dem Turm. … Der Junge ist deine Pforte zum Mann in Schwarz. Der Mann in Schwarz ist deine Pforte zu den Dreien. Die Drei sind dein Weg zum Dunklen Turm”

Immer wieder erzählt der Revolvermann während des Romans Jake von seiner eigenen Jugend. Im Gegensatz zu Jake, dessen Erinnerungen unklar eine moderne Großstadt inklusive U-Bahn und Wolkenkratzern umfassen, sei er in einer befestigten Stadt aufgewachsen, die eher einer Mischung aus altem Westernfilm und Artus-Sage gleicht, nämlich Neu-Kanaan, ein nicht mehr existierender Nachfolger des biblischen Kanaan, d.h. dem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen. Sein Vater war quasi der oberste der Revolvermänner, der letzte “Herr des Lichts” mit einem Zauberer namens Marten als rechte Hand, der allerdings seine Mutter verführte und seinen Vater schließlich tötete, ähnlich wie König Roland von Flagg in “Die Augen des Drachen” ermordet wird.

Früher als andere bezwingt der Protagonist seinen Lehrmeister Cort, der ihn ebenfalls zum Revolvermann ausbilden soll und verlässt die Stadt, kurz bevor sein Vater von einem Jagdausflug zurückkehrt und durch Marten den Tod findet. Im Laufe der Erzählung wird dadurch auch der echte Name des Revolvermanns offenbart, der Roland lautet. Erst am Romanende hingegen wird der Schwarze Mann seine Identität offenbaren, nämlich Walter, einer der Weggefährten von Marten, welcher inzwischen aber schon getötet wurde, unwissenderweise von der Hand von Roland.

Bis der Revolvermann den Schwarzen Mann allerdings stellen kann, müssen sie noch einen dunklen Berg mit Hilfe einer Draisine durchqueren, veränderte Wesen der Dunkelheit in Form der “Langsamen Mutanten” überleben und schließlich über ein recht wackeliges Gerüst am Rande eines verlassenenen Bahnhofs inmitten des Berges klettern, der nur mehr durch ein paar, beinahe zu Staub verfallenen menschlichen Überresten belebt ist. Jake ahnt zu diesem Zeitpunkt bereits, daß er zum Opfer wird und tatsächlich stürzt er beim Ruf des Schwarzen Mannes vom Gerüst und der Revolvermann rettet ihn auch nicht. Bei seinem ‘zweiten’ Tod tritt Jake mit den etwas seltsamen Worte ‘Es gibt mehrere Welten als diese’ in die Tiefe und wird bereits im zweiten Romanteil wieder auftauchen. Mit diesem Sohn-Opfer à la Isaak ist der erste Schritt des Orakels erfüllt.

Roland und Walter führen schließlich am Ende des Romans in einem staubigen Golgatha verfallener Gebeine eine etwas seltsame Unterhaltung, die an einigen Stellen an die Idee vom “Talisman” erinnert. Denn das, was im Talisman die Glaskugel war, ist in diesem Zyklus nun der Turm – das stabile und einzigartige in einer Vielzahl von Universen. Walter beschert Roland eine Vision quer durch eine Vielzahl an Makrokosmen (in Form von Universen) und Mikrokosmen (in Form eines einfachen Grashalms) und warnt ihn davor weiter nach dem Turm zu suchen, da er ihn in den Wahnsinn treiben werde. Zugleich platziert Walter allerdings auch die “Gegenwart” als Vergangenheit des (in unklarer Zukunft liegenden) Romans:

“Das Universum (sagte er) enthält ein Paradoxon, das so groß ist, daß der endliche Verstand es nicht begreifen kann. So wie das lebende Gehirn sich kein nicht lebendes Gehirn vorstellen kann – auch wenn es denken mag, es könnte es -, so kann der endliche Verstand nicht das Unendliche begreifen. Die prosaische Tatsache der Existenz des Univesums allein besiegt den Pragmatiker und den Zyniker gleichermaßen. Es gab eine Zeit, hundert Generationen bevor die Welt sich weiterdrehte, als die Menschheit genügend technische und wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt hatte, daß sie ein paar Splitter von der großen Steinsäule der Wirklichkeit abklopfen konnte. … Doch dieser Reichtum an Informationen erzeugte wenige oder gar keine Einsicht. … Größeres physiologisches Wissen über das Gehirn verringert die Möglichkeit, daß die Seele existiert, doch die Natur der Suche macht sie dagegen wahrscheinlicher.”

Und der Hobbyphilosoph Walter fährt in ähnlicher Manier fort, wie es bereits in der Vision von “Es” begonnen wurde:

“Das größte Geheimnis, welches das Universum bereithält, ist nicht das Leben, sondern die Größe. Größe umfasst das Leben, und der Turm umfaßt die Größe. … Wenn du bis zur Grenze des Universums fallen würdest, würdest du ein Schild mit der Aufschrift SACKGASSE finden? Nein. Du könntest etwas Hartes und Rundes finden, wie ein Kücken das Ei von Innen sehen mag. Und wenn du durch diese Hülle hindurch picken würdest, welches gewaltige und reißende Licht würdest du erblicken, das durch dein Loch am Ende des Raumes hereinscheint? Könntest du hindurch sehen und feststellen, daß unser gesamtes Universum nichts weiter ist als ein Atorm in einem Grashalm? Könntest du zu dem Gedanken gezwungen werden, daß du eine Unendlichkeit von Unendlichkeiten vernichtest, wenn du einen Halm verbrennst? Daß die Existenz nicht zu einer Unendlichkeit reicht, sondern zu einer unendlichen Vielzahl von Unendlichkeiten? Vielleicht hast du gesehen, welchen Stellenwert unser Universum im Plan der Schöpfung einnimmt – als Atom in einem Grashalm. Könnte es sein, daß alles, was wir wahrnehmen können, vom infinitesimalen Virus bis hin zum fernen Pferdkopfnebel, sich in einem einzigen Grashalm befindet … einem Halm, der in einem fremden Zeitstrom erst einen oder zwei Tage existiert haben mag?… Denke an den Sand der Mohainewüste, die du durchquert hast, um mich zu finden und stelle dir eine Billion Universen vor – nicht Welten, sondern Universen -, die sich in jedem einzelnen Sandkorn in dieser Wüste befinden; und in jedem Universum eine Unendlichkeit anderer Universen. Wir ragen mit unserem erbarmenswerten Grashalmvorteil über diesen Universen auf; und du könntest mit einem einzigen Stiefeltritt eine Milliarde Milliarden Welten in die Dunkelheit treten, eine Kette, die niemals vervollständigt wird. … Doch denke noch weiter. Stell dir vor, daß sich alle Welten, alle Universen, in einem einzigen Brennpunkt vereinigen, einer einzigen Säule, einem Turm. Möglicherweise einer Treppe zur Gottheit selbst.”

In jedem Fall schließt der Roman, indem der Schwarze Mann zum Skelett verfällt und der Revolvermann, um 10 Jahre gealtert, am Feuer morgens erwacht, um (zum zweiten Band) aufzubrechen, genauer zum Meer im Westen, um die drei auszuwählen, die ihm das Orakel prophezeit hat. Zuvor hat der Schwarze Mann dem Revolvermann aber noch eröffnet, wie er selbst mit dem Turm verbunden ist, nämlich über seinen Herrn, dem “zeitlosen Fremden”, den er nur aus einem Traum kennt und den Namen Maerlyn trägt (zufälligerweise gleich wie der mythische Zauberer). Er kann in der Zeit rückwärts leben (was auch immer dies heißt) und muß von Roland getötet werden, um dem Turm näher zu kommen. Maerlyn wiederum hat ebenfalls einen Herrn, der den Turm hütet und den der Schwarze Mann mit “Das Tier” bezeichnet. Er sei der “Erzeuger allen Flimmers (was auch dieser wieder heißen mag!).

Mein Fazit

In letzter Konsequenz scheint King in jedem Fall beeindruckt zu sein von Ideen wie aus “Powers of 10″ von IBM oder zahlreichen BBC-Dokumentationen zum Thema Paralleluniversum. Die einzige Variante, die King hinzufügt, ist einerseits der Umstand, daß es 1 “Objekt” gibt, das in allen Welten das Gleiche ist und daß es andererseits 1 “Wesen” gibt, das hinter allem steht und das über eine Kette an untergeordneten Figuren mit dem Menschen verbunden ist.

So niedlich diese Ideen auch klingen, sind sie mir insgesamt doch nicht wirklich ausgereift genug oder zu wenig kreativ. Denn schließlich ist es keine BBC-Doku mit ihren Synthesizer-Superklängen im Hintergrund, sondern (einfach) nur ein Roman, von welchem ich mehr Ideen erwarte. Vielleicht bin ich aber auch zu kritisch, in jedem Fall sind seine Ansätze witzig, wenngleich auch meist bekannt und vermutlich zum Zeitpunkt der Erscheinung – nämlich Anfang der 1980er Jahre – “neuer” als fast ein halbes Jahrhundert später in den 2010er Jahren.

Allein aus den letzten Seiten des Romans, welche stellenweise maximal verwirren, wird klar, daß King noch nicht wirklich eine Vorstellung vom Gesamtbild des Romans hat und an vielen Stellen lediglich Puzzleteile beschreibt, die auch (noch) nicht ganz zusammenpassen. Dies betont er auch im Nachwort und erklärt die Herkunft der Figur des Roland (die ich im Übrigen interessanter finde, als seine etwas verquerten Gottes-Philosophien), welche aus dem Gedicht “Child Roland to the Dark Tower came” (dts. “Herr Roland kam zum dunklen Turm“) von Robert Browning stammt, das er während seiner Studienzeit gelesen hat.

Die düstere Stimmung des Gedichts, die auch Maler aus dem 19. Jahrhunderts inspirierte, wollte King in seinem Roman nach empfinden – zumindest das ist ihm sicher gelungen. Insgesamt ein an vielen Stellen überraschender Stephen King Roman, der durchwegs mehr erwarten lässt.

“Child Roland to the Dark Tower came” von Thomas Moran (1859)

“Child Roland to the Dark Tower came” von Thomas Moran (1859)

Verbindungen

Verbindung: “Der Talisman” (Kristallkugel)
Verbindung: “Es” (Vision)
Verbindung: “The Stand” (Apokalypse)
Verbindung: “Die Augen des Drachen” (Protagonist Roland)
Verbindung: “Der dunkle Turm (Zyklus)

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