Im Herzen der Innerschweiz, umgeben von schroffen Gipfeln und tiefen Wäldern, liegt der idyllische Ort Engelberg. Doch abseits der gepflegten Wanderwege und Klosterfassaden führt ein unscheinbarer Pfad hinauf in eine Gegend, die seit Jahrhunderten mit Unruhe betrachtet wird: ein Abschnitt des Waldes, der in alten Berichten nur als Hexenweg erwähnt wird.
Hier stehen die sogenannten Hexenhäuschen – kleine, krumme Holzbauten, verwittert und halb im Unterholz versunken. Was sie wirklich waren, weiß niemand mehr genau. Doch um sie ranken sich Geschichten, die Engelberg einen der unheimlichsten Orte der Schweiz beschert haben.
Ein Ort, den Tiere meiden
Schon früh beschrieben Bergbauern die Gegend als „ungesund“. Kühe weigerten sich, vor allem im Spätsommer, bestimmte Lichtungen zu betreten. Ziegen blieben plötzlich stehen, senkten den Kopf und kehrten um, ohne dass ein sichtbares Hindernis bestand.
Bis heute berichten Wanderer, dass Hunde und Pferde auffällig reagieren, wenn sie sich den Hexenhäuschen nähern – sie knurren ins Leere, stellen das Fell auf oder ziehen unruhig an der Leine.
Um die Ursache zu erklären, wird oft auf die Topografie verwiesen. Tiefe Furchen, Erdspalten, Moosflächen, die den Boden federnd wirken lassen. Doch viele Einheimische sind überzeugt, dass mehr dahintersteckt.
Schreie, Rauchschwaden und tanzende Schatten
Der Legende nach fanden in dieser Gegend vor Jahrhunderten nächtliche Zusammenkünfte statt – Ritualfeuer, Beschwörungszeremonien, Tänze. Einige Quellen sprechen von Frauen, die aus dem Tal verschwanden und erst Tage später zurückkehrten, verwirrt und mit rußgeschwärzten Händen.
In alten Chroniken des Klosters Engelberg ist sogar von „nächtlichem Geschrei und unheiligen Lichtern am Bergwald“ die Rede.
Bis heute berichten vereinzelte Spaziergänger von seltsam schwefligem Geruch, der plötzlich aus dem Boden steigen soll, einem Gefühl, beobachtet zu werden, sobald man die Lichtung betritt oder flackernden Formen am Waldrand, besonders in der Dämmerung.
Wissenschaftlich belegt ist davon nichts – aber die Vielzahl übereinstimmender Berichte macht den Ort zu einem der rätselhaftesten des Kantons.
Die Hexenhäuschen – Relikte oder Warnung?
Die kleinen Hütten selbst wirken wie aus einer anderen Zeit. Einige sagen, sie seien Unterstände für Hirten gewesen, andere halten sie für alte Geräteschuppen. Doch ihre eigenartig disproportionalen Türen und die seltsam verschachtelte Bauweise führten schon früh zu Vermutungen, dass sie für rituelle Zwecke errichtet wurden.
Auffällig ist, dass die Hütten nirgends offiziell dokumentiert sind – sie tauchen in keiner Bauchronik, keinem alten Kataster auf.
Es ist, als wären sie einfach da gewesen, ohne Ursprung, ohne Erbauer.
Der Pfad, der sich verändert
Viele Wanderer berichten davon, dass der Weg zu den Häuschen „anders wirkt“, sobald man ihn allein geht. Manche fühlen sich, als würde der Wald dichter werden, der Boden leiser, der Wind fremd.
Einige behaupten sogar, der Pfad verschiebe sich – Abschnitte, die zuvor gerade waren, scheinen leicht zu versetzen, Abzweigungen wirken plötzlich schmäler oder breiter. Natürlich ist das subjektiv – doch kaum ein Ort in Engelberg erzeugt ein ähnlich starkes Gefühl von Desorientierung.
Zwischen Sagen und schwefeligem Flüstern
Offiziell sind die Hexenhäuschen nichts weiter als alte Holzbauten. Aber die Bewohner Engelbergs erzählen die Geschichten weiter – nicht aus Aberglaube, sondern aus Respekt.
Denn wer einmal dort oben stand, wenn der Nebel zwischen den Tannen hängt und der letzte Sonnenstreifen über die Dächer der Häuschen gleitet, spürt, warum diese Legenden nie verschwunden sind.
Der Ort hat eine Präsenz. Eine, die sich ohne Geräusch bemerkbar macht.
Und manche sagen, wenn der Wind vom Tal heraufweht, hört man noch heute ein leises Wispern zwischen den Bäumen.
Quellen und weiterführende Links
„Sagen und Legenden aus Engelberg“ (PDF) — eine Sammlung von Erzählungen über das Engelberger Tal, Sagen‐ und Mythenelemente. ub.unibas.ch+1
„Märchen und Sagen rund um Engelberg“ — Ausstellung und Begleittext im Tal Museum Engelberg zur lokalen Sagenwelt. talmuseum.ch
„Der Name Tuifelsstei / Teufelsstein“ — eine Sage in Engelberg über einen Felsen mit teuflischer Zeichnung, die auf dunkle Überlieferungen verweist. hotelcrystal.ch
















