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Das Gedicht „Lenore“ von Edgar Allan Poe (1843)

Das Gedicht „Lenore“ von Edgar Allan Poe wurde 1843 erstmals veröffentlicht und behandelt den Tod einer jungen Frau namens Lenore. Ihr Geliebter, Guy de Vere, findet es unpassend über den Tod zu klagen, man sollte den Übergang in eine neue Welt eher feiern. Im Gegensatz zu fast allen anderen Geschichten Poe’s über sterbende Frauen stellt er im Gedicht durchwegs ein Wiedersehen im Paradies in Aussicht. Oftmals wurde es auch als Verarbeitung des Todes von Poe’s Frau und gleichzeitig seines Bruders gesehen, dessen zweiter Vorname Leonard lautet.

Edgar Allan Poe, CropTop (c) 2014 Wikipedia.com

Edgar Allan Poe, CropTop (c) 2014 Wikipedia.com

Lenore (1834)

Ah, broken is the golden bowl! the spirit flown forever!
Let the bell toll! -a saintly soul floats on the Stygian river –
And, Guy De Vere, hast thou no tear? -weep now or never more!
See! on yon drear and rigid bier low lies thy love, Lenore!
Come! let the burial rite be read -the funeral song be sung! –
An anthem for the queenliest dead that ever died so young –
A dirge for her, the doubly dead in that she died so young.

„Wretches! ye loved her for her wealth and hated her for her pride,
And when she fell in feeble health, ye blessed her -that she died!
How shall the ritual, then, be read? -the requiem how be sung
By you -by yours, the evil eye, -by yours, the slanderous tongue
That did to death the innocence that died, and died so young?“

Peccavimus; but rave not thus! and let a Sabbath song
Go up to God so solemnly the dead may feel no wrong!
The sweet Lenore hath „gone before,“ with Hope, that flew beside,
Leaving thee wild for the dear child that should have been thy bride –
For her, the fair and debonnaire, that now so lowly lies,
The life upon her yellow hair but not within her eyes –
The life still there, upon her hair -the death upon her eyes.

Avaunt! tonight my heart is light. No dirge will I upraise,
But waft the angel on her flight with a paean of old days!
Let no bell toll! -lest her sweet soul, amid its hallowed mirth,
Should catch the note, as it doth float up from the damned Earth.
To friends above, from fiends below, the indignant ghost is riven –
From Hell unto a high estate far up within the Heaven –
From grief and groan to a golden throne beside the King of Heaven.“

Quelle: http://www.gutenberg.org

Illustrationen von Henry Sandham

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Übersetzung

Zerschellt die goldne Schale, ach! Der Geist so fern entflogen!
Schickt Glockenschall der Seele nach, die fort zum Styx gezogen!
Und Guy de Vere, weinst du nicht mehr? Jetzt oder nie sei trübe!
Da liegt, sieh her, und liebt nie mehr Lenore, deine Liebe.
Komm! laß vollziehn mit frommem Wort des Grabes Heiligung –
Nichts Königlichres stirbt hinfort als sie, die starb so jung –
Man singe, bete immerfort für sie, die starb zu jung.

»Wichte! ihr Reichtum war euch lieb, ihr Stolz war euch verhaßt,
Und da die Zarte fiel und blieb, das Grab ihr segnen laßt!
Das Ritual und Requiem, wie frommt’s der Heiligung?
Durch euch – durch euch: den bösen Blick? Durch euch: die Lästerung,
Die diese Unschuld totgehetzt, die starb – und starb so jung?«

Peccavimus; doch laß Verdruß! Sing wie am Feiertag
Ein Lied zu Gott, daß keine Qual die Tote fühlen mag.
Lenore schritt voran, und mit ihr flog die Hoffnung traut
– Die unbedacht und toll dich macht – auf die erkorene Braut:
So sanft sie war und wunderbar, erlag sie dem Geschick –
Das Leben noch im gelben Haar, doch nicht in ihrem Blick –
Noch immerdar im gelben Haar, doch Tod in ihrem Blick.

»Hinweg! Leicht wacht mein Herz heut nacht: Kein Schmerzlied will ich klagen,
Triumph soll meinen Engel sacht im heiligen Fluge tragen.
Kein Glockenschlag! daß nicht noch zag die süße Seele werde
Bei solchem Ton, aufgleitend schon von der verfluchten Erde:
Zu Freunden hin, von Feinden hier, laßt frei die Tote gehen –
Aus Hölle auf zu hohem Rang hoch oben in den Höhen –
Aus Gram und Groll auf goldnen Thron zum Herrn der Himmelshöhen.«

Quelle: http://gedichte.xbib.de/Poe_gedicht_Lenore..htm

Inhalt & Interpretation

Der Protagonist des Gedichts, Guy de Vere, ist über den Tod seiner geliebten Lenore verstört und beschimpft all jene, die sie für ihren Reichtum liebten, ihren Stolz aber hassten und ihr Krankheit wünschten. Der Erzähler mahnt ihn, nicht in dieser Art und Weise zu sprechen, auch wenn ihr Tod ihm die Hoffnung genommen hat. Auf die Frage des Erzählers, warum Guy nicht weint, sagt er, dass es keinen Grund zur Trauer gibt, weil er sie im Himmel wiedersehen wird.

Wie so oft thematisiert Poe das Thema der kürzlich verstorbenen Geliebten, die im Tod zur grenzenlosen Schönheit und Perfektion glorifiziert wird. Durch die relativ detaillierte Beschreibung von Lenore, die bis zur Haarfarbe reicht, wird die Tote physisch präsenter, als es beispielsweise Erzähler oder Guy de Verne selbst sind, die nur mit ihrer Stimme in Erscheinung treten. Insgesamt besetzen sie jeweils zwei der vier Strophen des Gedichtes und beweinen nicht nur die Tote selbst, sondern auch ihr persönliches Leid mit dem Tod.

Anders als in vielen anderen Gedichten über verstorbene Geliebte bleibt die erzählende Hauptfigur in diesem Fall jedoch letztlich optimistisch. Zum Vergleich: Im Gedicht „The Raven“ verliert der trauernde Geliebte beinahe alle Hoffnung, auch jene, sie im Himmel wieder zu sehen. Immer wieder wird dabei auf die Jugend der Toten verwiesen, weshalb häufig die Verbindung zur jungen Frau Virginia von Edgar Allan Poe hergestellt wurde, welche ebenfalls an TBC erkrankt war und 1847 starb.

In Kombination mit dem Vorwurf von Guy de Vere, dass sie durch den Missfallen Anderer erst erkrankt ist, wird in jedem Fall letztlich ihre (kindliche) Unschuld betont. Der Erzähler versucht seinerseits die Beschuldigung zu neutralisieren und versöhnlich zu agieren – im dritten Absatz spricht er beispielsweise von Peccavimus, d.h. gemeinsamer Sünde und mahnt Guy, dass er seinen Verdruss hintan stellen soll um ihr zu gedenken. Diesem Rat folgt Guy letztlich und schließt den Abschied positiv.

Formal fällt das Gedicht durch seine zahlreichen „L“ und „O“ auf, welche nochmals die melancholische Grundstimmung betonen. Zwar verwendet Poe kein strenges Reimschema, aber jeweils die letzten drei Zeilen beziehen sich aufeinander. Besonders häufig kommen dabei jene Wörter vor, die das Gesamtbild des Gedichtes dominieren: „young“, „eyes“ und „heaven“.

Vgl. GradeSaver

Verbindungen

Roman Dirge „Lenore“: Und naturgemäß verweise ich an dieser Stelle auf Roman Dirge und seinen Lenore-Zyklus.

Roman Dirge "Lenore"

Roman Dirge „Lenore“

Bibliographie Edgar Allan Poe
Bibliographie Roman Dirge

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