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Fortsetzungsroman Rezension “The Green Mile” von Stephen King (1996)

Der Roman “The Green Mile” von Stephen King, welcher relativ wenig fantastische Elemente enthält, erinnert in seiner Intensität beinahe ein wenig an “Dolores“, wenngleich auch nur fast. Fast gleich gut gefiel er mir auch. Die Geschichte rund um eine Kaspar-Hauser Figur, welche unschuldigerweise hingerichtet wird, hat sicher seinen Reiz, aber vermutlich kann ich mit dem Thema Todesstrafe in dieser Tiefe (inklusive seiner detaillierten Beschreibungen) einerseits nur wenig anfangen und andererseits ist der Roman an manchen Stellen einfach etwas zu perfekt – es fehlt an Kanten, an denen er sich bricht. Im Nachwort schwärmt King zwar davon, wie sich alles zusammengefügt hat – eine kluge Maus taucht in jungen und alten Jahren auf, ein Bösewicht in zwei verschiedenen Personen usf. – aber irgendwie fügt es sich eben nicht zusammen (für mich) oder anders ausgedrückt fügt es sich so zusammen, dass der Reiz dabei verloren geht. Aber ansonsten lesenswert und (als Film) auch sehenswert.

Stephen King “The Green Mile” (1996), CropTop

Stephen King “The Green Mile” (1996), CropTop

Worum geht es?

Stephen King “The Green Mile” (1996), Buchdeckel

Stephen King “The Green Mile” (1996), Buchdeckel

Und worum geht es eigentlich? Die Geschichte spielt in einem Todestrakt im Grenzgebiet des Südens während der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1932. Der elektrische Stuhl – “Old Sparky” ist noch in voller Verwendung und Rassismus ist ebenfalls mehr oder minder stark in der Bevölkerung verankert. Die gesamte Handlung konzentriert sich wesentlich auf 2 Figuren in diesem Todestrakt im Staatsgefängnis von Cold Mountain: den leitenden Wärter, Paul Edgecombe, der die Geschichte als Pensionist im Altenheim erzählt und den etwas dumben John Coffey, dem vorgeworfen wird, zwei kleine Mädchen ermordet zu haben und dafür zum Tode verurteilt wurde.

Edgecombe findet zwar heraus, daß Coffey nicht der Mörder der Zwillinge ist, sondern sie nur wiederbeleben wollte, kann aber nichts tun, um zu verhindern, daß er selbst ihn am elektrischen Stuhl später töten muss. Immerhin macht Coffey es ihm etwas leichter, indem er ihm sagt, daß er seine Gabe auch leid sei, da er durch sie viele Schmerzen sieht, insbesondere wie Menschen sich gegenseitig mit ihrer Liebe töten.

Coffey ist dabei nicht nur der klischeehafte, dunkelhäutige und grobschlächtige Einfaltspinsel, wie er im Buche steht, sondern sogar ein kleines “Wunder”: er kann durch Handauflegen Energien übertragen und Schwerverletzte dadurch heilen. Mit dieser Methode heilt er Edgecombe von einer Blasenentzündigung (und beschert ihm so nebenbei ein über 100jähriges Leben, wodurch er Zeit hat die Geschichte aufzuschreiben), die Frau des Gefängnisdirektors von Krebs im Endstadium und eine kleine Maus nach zahlreichen Knochenbrüchen.

Nach seiner Heilung atmet er jeweils eine Wolke winziger schwarzer Insekten aus, die wie Mücken aussehen, aber bereits kurz darauf weiß werden und verschwinden. Wie alle anderen wird Coffey aber auch letztendlich den Gang auf der “grünen Meile” tun, der schlichtweg so heißt, da der Fussboden diese Farbe hat.

Damit die Geschichte nicht zu langweilig wird, hat King die beinahe schon typischen Figuren eingeflochten, die im ebenso typischen Kampf stehen: ein Edgecomb unterstellter Wärter namens Percy Wetmore, der ähnlich bösartig ist, wie King sonst i.A. die älteren Jungs in seinen Romanen zeichnet, in diesem Fall aber über politische Verbindungen in seiner Anstellung geschützt ist. Er quält die zum Tode Verurteilten grausam und ist auch nicht bereit, auf die Hinweise von Edgecomb einzugehen.

Weitere Nebenfiguren stellen zwei andere Todeskandidaten dar, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Delacroix, welcher schreckliche Angst vor dem elektrischen Stuhl hat und nur Ablenkung in einer kleinen Maus names Mr. Jingles findet, die er zu dressieren beginnt und “The Kid” Wharten, welcher ähnlich skrupel- und geistlos ist wie der Wärter Wetmore. Wie es der Zufall will, handelt es sich bei Wharten um den wirklichen Mörder der Zwillinge und Coffey wird es im Laufe seines Aufenthalts herausfinden, als er ihn berührt.

Währenddessen quält Wetmore insbesondere Delacroix aufs Grausamste – so tritt er mit vollem Gewicht auf Mr. Jingles, als dieser einem Spielzeug nachläuft und bricht ihm dabei das Rückgrat (welches Coffey aber wieder heilt) und später wird er absichtlich eine Sicherheitsmaßnahme bei Delacroix’ Hinrichtung weglassen und ihm dadurch einen ausnehmend grausamen und langen Todeskampf bescheren. Aber es wird Coffey sein, der dies rächt, indem er eine “geheilte” und in sich aufgenommene Krankheit an ihn abgibt und Wetmore wiederum dadurch nicht nur den Verstand verliert, sondern auch gleich Wharton erschießt, womit wiederum auch der Mord an den Zwillingen gerächt ist.

Edgecomb ist inzwischen im Altersheim, seine Wächterkollegen schon lange tot. Warum auch immer King diese Verbindung zu Edgecomb im Alter machen musste, spätestens an dieser Stelle war es mir an Symmetrie langsam schon etwas zuviel: denn Edgecomb ist zwar ein alter Tattergreis, aber im Heim findet sich ein ähnlich böser Mensch wie Wetmore, nur dass es diesmal ein Pfleger ist. Damit aber nicht genug: der junge Edgecomb hatte eine Frau (die bei einem Autounfall ums Leben kam), der alte Edgecomb hat eine ältliche Dame im Heim, mit der ebenfalls gut kann. Diese wiederum hat nun politische Verbindungen, mit denen sie aber wiederum den bösen Pfleger unter Druck setzt (der das Pendant zu Wetmore ist, der ähnliche Verbindungen für “negative” Zwecke einsetzte). Und um das ganze zu toppen ist auch die Maus Mr. Jingles noch da, wenngleich auch schon etwas gebrechlich. Die Maus und seine ältere Freundin sterben letztlich, aber immerhin Edgecomb ist bis zum Romanende wohlauf.

Formaler Aufbau

Das Inhaltsverzeichnis in Übersicht:

  • Einleitung
  • Vorwort: Ein Brief
  • Teil 1: Der Tod der jungen Mädchen
  • Teil 2: Die Maus im Todesblock
  • Teil 3: Coffeys Hände
  • Teil 4: Der qualvolle Tod
  • Teil 5: Reise in die Nacht
  • Teil 6: Coffey Vermächtnis
  • Nachwort des Autors

Mein Fazit

Am Rande sei nur erwähnt, dass der Übersetzer ins Deutsche dieses Mal nicht Joachim Körber ist, sondern Joachim Honnef, welcher darüber hinaus auch “Amok” (Richard Bachmann) übersetzte, ansonsten aber eher im seicht-erotischen bzw. -belletrischen Übersetzungsbereich anzutreffen ist. Ursprünglich erschien der Roman übrigens als Fortsetzungsroman, wobei sich King nach eigenen Angaben im Vorwort an den Fortsetzungsgeschichten von Charles Dickens orientierte. Auch Dickens hatte viele seiner Romane in Fortsetzungen veröffentlicht, entweder als Beilage in Zeitschriften oder als eigene Ausgaben, sogenannte “Chapbooks”, so King.

In jedem Fall begann King das Thema der Todesstrafe wieder aufzugreifen, als er den Roman “Desperation” gerade überarbeitete. Letztendlich erschienen alle Romane im Jahr 1996: das Romanduo “Desperation” / “Regulator” und eben “The Green Mile”. Allerdings ist letzterer Roman den ersten beiden – meiner Meinung nach – bei weitem überlegen, allein weil die ersten beiden so schlecht sind. Bei allen Dreien spielen jedoch gefinkelte Formbesonderheiten (Schreiben eines Romans aus 2 Perspektiven bzw. in Fortsetzungen) offenbar eine gewisse Rolle bei King.

Dass John Coffey über weite Strecken hohe Ähnlichkeit zu Jesus Christus aufweist, überrascht beim religiös angehauchten King nur wenig. So sind nicht nur ihre Initialen J.C. gleich, sondern beide vollbringen Wunder, versuchen zu heilen durch Handauflegen und können letztlich das Leid der Welt kaum mehr ertragen. Beide werden auch zwischen bzw. nach zwei anderen Verbrechern ermordet und dabei beschimpft. Allerdings hat Christus m.W. seine Gabe im Gegensatz zu Coffey nicht dazu benutzt, jemand anderen zu töten.

Natürlich äußert King durch die Art des Romans auf seine Art und Weise auch Kritik am elektrischen Stuhl, insgesamt gibt er der Hauptfigur aber nicht die Kraft, die Hinrichtung abzulehnen, da er sie ethisch nicht vertreten kann. Dies finde ich schade, da er damit den freien Willen in Frage stellt und ihn in einem Rahmen von gegebenen Regeln und Aufträgen versenkt. Damit lässt er seinen Paul Edgecomb letztlich nicht besser dastehen als die Figur des kritisierten und dämonisierten SS-Lagerkommandanten Dussander aus “Der Musterschüler” in “Jahreszeiten“.

Abschließend sei noch erwähnt, dass King kaum Verbindungen zu anderen Romanen herstellte, was wiederum recht angenehm war. Übrigens wurde der Roman mit Tom Hanks auch verfilmt (s.u.) und die Besetzung ist – verglichen mit den Figuren im Buch – m.A.n. sehr gelungen (so in etwa hatte ich mir die Figuren nämlich auch vorgestellt). In jedem Fall sehr traurig – Film wie Buch drücken kräftig auf die Tränendrüse mit dieser Geschichte. Zwar wurde das emotional Moment dem Film immer wieder vorgeworfen, ich muss ehrlicherweise aber gestehen, daß mir beide etwas zu sentimental waren..

Stephen King “The Green Mile” (1996), Verfilmung Foto1

Stephen King “The Green Mile” (1996), Verfilmung Foto1

Stephen King “The Green Mile” (1996), Verfilmung Foto2

Stephen King “The Green Mile” (1996), Verfilmung Foto2

Verbindungen

Verbindung: “Dolores
Verbindung: “Der Musterschüler” in “Jahreszeiten
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2 Kommentare
  1. Thomas sagte:

    Das Buch habe ich nicht gelesen, aber von dem Film war ich sehr enttäuscht. Er war total naiv, alles schwarz-weiß, nur gute und schlechte Charaktere.

    Gefällt mir

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