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Novellensammlung Rezension “Herbst und Winter” von Stephen King (1982), aus: Jahreszeiten

Nach dem ersten Teil der “gesplitteten” Novellensammlung von Stephen King “Jahreszeiten” nun ergänzend noch die beiden restlichen Geschichten, welche im Deutschen im Band “Jahreszeiten, Herbst und Winter” erschienen (im Gegensatz zum ersten “Jahreszeiten, Frühling und Sommer“). Übrigens weicht die letzte Novelle etwas vom Schema ab, hier finden sich nämlich ein paar Gruselelemente.

Stephen King “Herbst und Winter” (1982), aus: "Jahreszeiten", CropTop

Stephen King “Herbst und Winter” (1982), aus: „Jahreszeiten“, CropTop

Einleitung

Stephen King “Herbst und Winter” (1982), aus: "Jahreszeiten", Buchdeckel

Stephen King “Herbst und Winter” (1982), aus: „Jahreszeiten“, Buchdeckel

Erwähnenswert ist vermutlich auch, daß in diesem Band das Nachwort von King angeführt wird, indem er auf die Entstehung der Novellen hinweist. Jede entstand demnach im Anschluss an einen seiner größeren Romane (wobei nicht unbedingt ein Zusammenhang inhaltlicher Natur besteht). Nach King ist dies in etwa folgende Reihenfolge:

  • Herbstsonate: Die Leiche – die älteste Geschichte entstand nach “Brennen muß Salem” (1975)
  • Sommergewitter: Der Musterschüler – entstand nach “Shining” (1977)
  • Frühlingserwachen: Pin-up – entstand nach “Das Attentat” (1979)
  • Ein Wintermärchen: Atemtechnik – die jüngeste Geschichte entstand nach “Feuerkind” (1980)

Herbstsonate: Die Leiche

Worum geht es?

Die erste Novelle (oder dritte insgesamt) ist wieder einmal eine Geschichte aus dem Castle Rock Zyklus, d.h. sie spielt im fiktiven Castle Rock, welches schon im ersten Teil in der Novelle “Frühlingserwachen: Pin-up” erwähnt wurde und nun in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Über weite Strecken erinnert die Geschichte an Erzählvarianten von “Es“: auch in diesem Fall ist es eine Gruppe jugendlicher “Loser”, die ein Abenteuer miteinander erleben. Dieses Mal ist es allerdings kein Monster, wie in “Es”, sondern eine Leiche, die auf den Gleisen in der nächsten Ortschaft liegt und die sich die Truppe ansehen will. Ähnlich wie in “Es” wird der Loser-Trupp wieder einmal von lärmenden, älteren Machos belästigt, die sich ihnen in den Weg stellen.

Analog zu “Frühlingserwachen: Pin-Up” ist die Geschichte übrigens auch wieder in Ich-Form erzählt. Der Erzähler ist der zwölfjährige Gordon, ein zukünftiger Schriftsteller, dessen Eltern sich seit dem Tod seines älteren Brudes Denny kaum mehr um ihn kümmern und der von drei etwa gleichaltrigen Jungen begleitet wird: Chris ist zwar intelligent, hat aber schlechte Zukunftsaussichten, Teddy ist die typische Brillenschlange mit kindlichen Anwandlungen und Vern fällt in etwa ebenfalls in diese Kategorie. Auch diese Figuren ähneln nicht wenig den bekannten Rollen aus “Es”, nur daß in diesem Fall kein Mädchen mit von der Partie ist.

Bei der Leiche handelt es sich um Ray Brower, der seit einigen Tagen vermisst ist und der etwa gleich alt ist wie die Jungen. Offenbar wollte er Beeren sammeln und wurde in der Nähe des etwa 20 Meilen entfernten Harlow vom Zug erwischt. Die Leiche wurde zufällig von Vern’s Bruder entdeckt und dieser will es jedoch nicht der Polizei melden, da er in einem gestohlenen Wagen unterwegs war. Allerdings belauscht Vern ihn und erzählt es seinen Freunden, die daraufhin beschließen, ihren Eltern vorzugaukeln zelten zu gehen und währenddessen in Wirklichkeit zur Leiche im Nachbarort wandern.

An zwei Stellen flechtet King – nicht unbedingt fließend – Subgeschichten ein. Einmal eine Geschichte von Gordon, die 1970 veröffentlicht wurde und den Titel “Hurenstadt” trägt. Darin beschreibt er das Leben von Chico, einem jungen Macho aus der Nähe von Castle Rock, der seinen älteren Bruder verloren und dies noch nicht überwunden hat (ähnlich wie der fiktive Autor Gordon). Chico verachtet seine Stiefmutter, die ein Verhältnis mit seinem Bruder hatte und der er zuschreibt, daß sie indirekt am Tode seines Bruders Schuld trägt, da dieser vor ihr fliehen wollte. Im Konflikt mit seinem Vater, dem er die Wahrheit nicht sagen kann, droht die Familie zu zerbrechen. An anderer Stelle lässt er Gordon am Abend seinen Freunden eine Geschichte über einen übergewichtigen Jungen erzählen, der sich einen Spaß daraus macht, sich bei einem Essenswettbewerb zu übergeben und damit gleich die ganze Umgebung ansteckt.

Ansonsten trifft man an vielen Stellen wieder einmal auf die üblichen Castle Rock Bewohner: Bannerman ist immer noch Constable der Stadt, das Emporium Gallorium verkauft immer noch Antiquitäten und Trödel und auch Ace Merrill ist immer noch der Bösewicht. Auch ein wilder Hund findet sich in der Novelle, allerdings ist dieser nicht ganz so bösartig wie “Cujo“, sondern bewacht nur eine Deponie. Immerhin habe ich in der Novelle ein neues Wort gelernt: nämlich “Diminutiv”, die Verkleinerung von Substantiven à la Gordon zu Gordie.

Ansonsten ist die Novelle relativ wenig überraschend. Die Truppe wandert beinahe zwei Tage durch die Wälder entlang der Gleise, findet die Leiche schließlich, dort treffen sie auf die älteren James-Dean Verschnitte und streiten sich darum, wem die Leiche nun “gehört” und gewinnen auch gleich, da Chris sie mit einer Waffe bedroht, die er seinem Vater entwendet hat. Alle vier kehren nach Castle Rock zurück, werden von den älteren ein paar Tage darauf verprügelt und einer davon verständigt anonym die Polizei, wo der Junge zu finden sei. Später geht die Loser-Truppe eher eigene Wege, wobei alle außer Gordon zum Zeitpunkt der Erzählung schon verstorben sind. Lose verknüpft King dabei die vorhergehende Geschichte “Frühlingserwachen: Pin-Up” ein, indem Chris von einem Mann ermordet wird, der einige Tage zuvor aus Shawshank entlassen wurde (ob es sich dabei um Andy, Red oder jemand gänzlich anderen handelt, bleibt jedoch offen).

Mein Fazit

Insgesamt eine nicht überraschende, irgendwie bekannte Geschichte um Bilder und Themen, die King-Lesern insgesamt schon etwas bekannt vorkommen.

Verbindungen

Verbindung: “Jahreszeiten, Frühling und Sommer” (Shawshank)
Verbindung: “Es” (Losertruppe)
Verbindung: Castle Rock Zyklus
Bibliographie

Ein Wintermärchen: Atemtechnik

Worum geht es?

Die letzte Novelle aus dem Sammelband ist eine klassische, kleine Gruselgeschichte. Sie spielt in New York in den 1970er Jahren und beschreibt primär einen etwas seltsamen Herrenclub, zu dem der alternde Anwalt David Adley von seinem Chef George Waterhouse eingeladen wird. Ältere Herren treffen sich dort abends und jeden Donnerstag erzählt außerdem einer davon eine Geschichte, wobei diese zu Weihnachten besonders gruselig gehalten ist. Der Club findet sich in der 35. Straße Ost im Sandsteingebäude Nr. 249B und zeichnet sich vor allem durch seltsame Bücher aus, die David ansonsten nirgends findet. Auch in anderer Hinsicht scheint der Herrenclub etwas eigen zu sein – so gibt es keine eigentliche Klingel und im Obergeschoß scheinen sich seltsame Dinge abzuspielen, während die gesamte “Clubbetreuung” aus dem ältlichen Stevens besteht, der wohl nur zufällig gleich heißt wie das Pseudonym aus “Frühlingserwachen: Pin-Up“.

In jedem Fall erzählt eines Abends zu Weihnachten der Arzt Emlyn McCarron eine Geschichte über eine ehemalige Patientin, die er betreute und ebendiese Geschichte gibt David nun in Ich-Form wider. Die Familie von McCarron baute das städtische Krankenhaus “Harriet White” auf, das nach der ersten Frau seines Vaters benannt wurde. Die Statue der kompromisslosen Frau findet sich auch am Hof vor dem Gebäude und wird von einem dazu passenden Spruch begleitet: “Ohne Schmerz gibt es keinen Trost, ohne Leiden keine Erlösung”. Seine Patientin, Sandra Stansfield kommt zu ihm, als sie schwanger ist, allerdings nicht verheiratet – eine zu diesem Zeitpunkt (Anfang des 20. Jahrhunderts) schwierige Situation. McCarron ist zwar kein Gynäkologe, betreut sie aber dennoch und erklärt ihr außerdem die damals noch relativ neue Atemtechnik für Schwangere, die die Geburt vereinfachen soll.

Sandra übt die Technik und beschließt auch das Kind zu bekommen, obwohl sie währenddessen ihren Job verliert. Am Weihnachtsabend ist es schließlich soweit und ihre Wehen beginnen. Daraufhin benachrichtigt sie McCarron und fährt mit einem Taxi zum Krankenhaus. Allerdings ist der Taxifahrer durch ihre Atemübungen so irritiert, daß er einen Unfall verursacht, bei welchem Sandra aus dem Auto und direkt vor die Statue geschleudert wird. Dabei wird sie vor den Augen von McCarron geköpft. Allerdings führt der Körper scheinbar immer noch die Atemübungen aus und gebärt schließlich das Kind. Als McCarron den Kopf im Anschluss aufhebt, scheint sie sich bei ihm zu bedanken.

Mein Fazit

Die Geschichte an und für sich ist nicht sonderlich interessant, aber die Beschreibung des Herrenclubs ist es m.A.n. schon. Ein Raum voller Bücher, ohne Verpflichtungen aber mit angenehmen Menschen muß in jedem Fall einen Abend in der Woche wert sein. In jedem Fall scheint der Clubbesuch auch David zu stützen, im Laufe der Jahre wird er nämlich Partner der Anwaltskanzlei.

Im Nachwort übt King übrigens wieder einmal sein Lamento über diverse Problemchen der Schriftstellerei aus. Daß Novellen ein schwieriges Ouevre seien, weil einerseits zu kurz und andererseits zu lang und daß sein Werk generell aus relativ einfachen Gründen erfolgreich ist:

“Die meisten (meiner Romane) sind einfache Erzählungen für einfache Leute, das literarische Äquivalent eines Big Mac mit einer großen Portion Pommes frites von McDonald’s. Ich kann elegante Prosa erkennen und spreche darauf an, aber ich habe es schwierig oder unmöglich gefunden, sie selbst zu schreiben … Nimmt man der Kunst des Romanciers die Eleganz, bleibt ihm nur noch Gewicht. Deshalb habe ich mich immer um Gewicht bemüht. Anders ausgedrückt, wenn man nicht wie ein Vollblüter rennen kann, sollte man wenigstens sein Gehirn anstrengen (eine Stimme von der Galerie: “Welches Gehirn, King?” Ha-ha, sehr witzig, Junge, Sie können jetzt gehen).”

Verbindungen

Verbindung: “Jahreszeiten, Frühling und Sommer” (Shawshank)
Verbindung: “Nachtschicht” (Kurzgeschichten)
Bibliographie

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7 Kommentare

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