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Horrorbuch Rezension “Das Monstrum” von Stephen King (1987)

Im gleichen Jahr wie “Sie” veröffentlichte der Powerseller-Autor Stephen King auch noch ein weiteres Buch, nämlich “Das Monstrum” oder “Tommyknockers” wie es im Original heißt. Soll ich wieder einmal erwähnen, daß allein die Übersetzung des Titels misslungen ist? Daß kein “Monstrum” im herkömmlichen Sinn vorkommt, denn als gut abgehangene, 25.000 Jahrhunderte alte Metallscheibe, ich aber hunderte von Seiten darauf gewartet habe? Nein. In jedem Fall ist der Inhalt vor allem eines – von Müdigkeit geprägt. King versucht darin Anschluss an seine “alten” Klassiker wie “Brennen muss Salem“, “Friedhof der Kuscheltiere” oder “Feuerkind” usf. zu finden und nimmt sich eines der in seiner Sammlung fehlenden Themen an, nämlich Außerirdische bzw. Ufos. Das hatten wir ja noch nie.

Stephen King “Das Monstrum” (1987), CropTop

Stephen King “Das Monstrum” (1987), CropTop

Einleitung

Stephen King “Das Monstrum” (1987), Buchdeckel

Stephen King “Das Monstrum” (1987), Buchdeckel

Der Name “Tommyknockers” ist ein beliebiger Name, den die Menschen den neuen Wesen bzw. Existenzen geben, da sie sich an den dazugehörigen US-amerikanischen Kinderreim erinnert fühlen. Im Vorwort erklärt King auch Nicht-Amerikanern bzw. Unwissenden, was es mit dem Begriff auf sich hat:

“Der Ursprung des Wortes ist nur schwer nachzuvollziehen. Webster’s Unabridged sagt, daß Tommyknockers entweder a) tunnelbauende Trolle oder b) Geister sind, die in verlassenen Bergwerken oder Höhlen spuken. Weil ‘tommy’ ein archaischer britischer Slangausdruck für Armeerationen ist (was dazu führte, daß der Ausdruck ‘tommies’ als Bezeichnung für britische Rekruten gebraucht wurde …, deutet das Oxford Unabridged Dictionary, welches zwar den Ausdruck selbst nicht identifiziert, doch immerhin an, daß Tommyknockers die Geister von Bergarbeitern sind, die Hungers gestorben sind, aber immer noch wegen Essen und Rettung anklopfen.”

Unabhängig von Kings sprachlichen Verweisen kannten sowohl er als auch seine Frau Tabitha den Reim und dies war offenbar bereits genug Anlass daraus einen Roman entstehen zu lassen. Der Reim ist denkbar einfach und kurz:

“Letzte Nacht und die Nacht davor,
Tommyknockers, Tommyknockers klopften an mein Tor.
Ich möchte hinaus, weiß nicht, ob ich’s kann,
ich hab’ solche Angst vor dem Tommyknocker-Mann.”

Im Wesentlichen handelt es sich also um eine ähnliche Figur wie der ‘Schwarze Mann’ im europäischen Volksmund. Auch diese dämonische bzw. geisterhafte Sagengestalt bedroht Menschen, v.a. Kinder und entführt sie – meist in den Tod.

Formaler Aufbau

Der inhaltliche Aufbau ist in etwa ähnlich wie alle anderen Bücher Kings, bestehend aus einer Handvoll Teilen mit Kapiteln und dem typisch erklärenden Vor- und Nachwort:

  1. Buch: Das Schiff in der Erde
  2. Buch: Geschichten aus Haven
  3. Buch: Die Tommyknockers

Worum geht es?

Im Zentrum stehen zwei Schriftsteller, die miteinander seit langer Zeit befreundet sind und einst auch Geliebte waren. Roberta Andersen, kurz Bobbi, lebt auf einem einsamen Grundstück in Haven, Maine, und schreibt relativ erfolgreiche Westernromane, während sich der dem Alkohol meist verfallene Schriftsteller und vehemente Kernkraftgegner James Gardener, kurz Gard, zu Beginn des Buches gerade auf einer Lesereise befindet, die in einem Streit und nach seinem Kater in Überlegungen zu seinem Selbstmord endet.

Plötzlich hat er jedoch die Eingebung, daß Bobbi Hilfe benötigt und reist am Rande seiner Kräfte zu ihr. Bobbi stolperte einige Tage zuvor, am 21. Juni 1988, in ihrem mehrere Hektar großen Grundstück über ein Stück Metall im Boden und beginnt dies völlig fanatisch auszugraben. Es ist – wenig überraschend – eine übergroße Ufoscheibe mit rund 300 Metern Durchmessern und es wird rund 55 Tage dauern, bis diese völlig freigelegt ist. Während dieser Zeit beginnt es immer stärkere elektromagnetische Wellen à la Bermuda-Dreieck auszusenden und die Menschen im umliegenden Bereich inklusive Luft schrittweise zu verändern. Sie können sich mittels Gedankenübertragung verständigen, wachsen sogar Borg-ähnlich geistig kollektiv zusammen, basteln aus einfachen Haushaltsgeräten mittels einer Unmenge von Batterien hyperintelligente Geräte (allerdings ohne diese zu verstehen) und verändern sich zuletzt auch körperlich, indem ihnen die Zähne und Haare ausfallen und ihre Physiognomie zu gallertartiger Transparenz mutiert.

Immer wieder taucht dabei das für Ufos und Außerirdische kennzeichnende grüne Licht auf. Der Schuppen in der Nähe des Schiffes, in welchem Bobbi aus ihrem Hund (und später einem Großvater und ihrer Schwester) “Energie” saugt, ist voll von diesem Licht, die Geräte strahlen es aus und es ist schlichtweg das Synonym für die Anwesenheit außerirdischer Kräfte. Ein wenig lächerlich wirken neben diesem auch die im Verlauf des Romans durch die Gegend schwebenden Geräte, sei es ein aggressiver Colaautomat, der Menschen tötet, ein Staubsauger mit ähnlichem Ziel oder zuletzt auch ein etwas missgelaunter Feuermelder. In einem Film umgesetzt muss dies nicht der Komik entbehren. In jedem Fall ist der Roman primär durch zwei Süchte geprägt: Bobbi’s Sucht zu graben und Gard’s Sucht zu trinken. Kaum jemals ist der zweite Protagonist nüchtern, und manchmal habe ich auch daran gezweifelt, dass es der Autor während des Schreibens selbst war.

Unschwer zu erkennen ist die einfache Symbolik hinter dem Roman – die beiden Protagonisten, beide Schriftsteller und halb dem Wahnsinn verfallen, als Alter Ego von King, der bekennendermaßen ebenfalls vom Alkohol und dem “Graben” nach der “dunklen” Horrorseite besessen ist. Bobbie, die ihren Hund an Drähte anschließt und aussaugt, um weiter zu machen, als Stellvertreter für King’s Familie, die sicher auch unter den Süchten des Autors gelitten hat, während die Figur Gard ein Vorhaben genauso fanatisch mit Graben unterstützt, das ihm eigentlich wenig bringt, da die Bewohner von Haven ohnehin geplant haben, ihn zu töten, wenn das Schiff ausgegraben ist und die Unsinnigkeit der Frage nach dem Worum, die auch hinter allen Süchten steht und letztlich nur bedingt logisch erklärt werden kann.

Mit dem Graben beginnen sich nicht nur die Menschen und die Umgebung zu verändern, es scheint sich auch ein eigenes Kraftfeld in Haven aufzubauen, ohne dies die Bewohner bald nicht mehr überleben können, da ihr “Werden”, wie es der Autor beschreibt, eindimensional ist und sie immer stärker von der Normalität abschneidet. Am Ende des Romans können sie außerhalb dieses Kraftfeldes nicht mehr überleben und brauchen das Schiff, um überhaupt existieren zu können. Als Gard und Bobbi schließlich das Ufo betreten, erwartet sie jedoch eine eher ernüchternde Realität. Die Bewohner waren nicht wie erwartet, “höhere Wesen”, sondern sind offenbar durch einen sehr irdischen Streit gestorben, der Antrieb des Schiffes erfolgte, indem unzählige “Kollegen” an Drähte angeschlossen waren und wie Galeerensklaven ihre Energie offenbar unfreiwilligerweise mit ihrem eigenen Körper zur Verfügung gestellt haben:

“Der Raum war rhombusförmig. Er war voll von Hängematten, die an Metallrahmen hingen – es waren Hunderte. Alle waren aufwärts und nach links geneigt; der Raum sah aus wie ein Schnappschuß der Kajüte eines Segelschiffs, das gerade in ein Wellental hinabgleitet. Alle Hängematten waren belegt, ihre Bewohner angeschnallt. Transparente Haut; hundeähnliche Schnauzen; milchige, tote Augen. Von jedem schuppigen, dreieckigen Kopf ging ein Kabel aus. Nicht nur angeschnallt, dachte Gardener. ANGEKETTET. Sie waren der Antrieb des Schiffes …. Bei allen waren die Lippen wie zum Fauchen verzerrt …. Alle tot.”

In der finalen Gegenüberstellung zwischen Gard und Bobbi beschreibt die mutierte Schriftstellerin schließlich die Außerirdischen bzw. sich selbst ähnlich wie mittelmäßig intelligente Kobolde mit übernatürlichen Fähigkeiten, die sie zwar nutzen, aber nicht verstehen können:

“Wir haben keine Geschichte, weder schriftlich noch mündlich. Wenn du sagst, daß das Schiff hier notgelandet ist, weil die Verantwortlichen sich buchstäblich um das Steuer stritten, dann spüre ich, daß daran etwas Wahres ist … aber ich spüre auch, daß es vielleicht vom Schicksal bestimmt war. Telepathen sind wenigstens bis zu einem gewissen Grad präkognitiv, …, und präkognitive Geschöpfe lassen sich leichter von den kleinen und großen Strömen leiten, die durch das Universum fließen. >Gott< ist der Name, den einige Menschen diesen Strömen geben, aber Gott ist nur ein Wort – wie Tommyknockers oder Altair-4. Ich will damit sagen, wir wären wahrscheinlich schon längst ausgestorben, wenn wir uns diesen Strömen nicht anvertrauen würden, denn wir waren immer reizbar und kampfeslustig. … Wir zanken. Ab und zu streiten wir sogar ein wenig. Wir sind Erwachsene – denke ich -, aber wir haben immer noch Wutanfälle wie Kinder und auch gerne unseren Spaß wie Kinder, und daher basteln wir diese nuklearen Steinschleudern, und ab und zu lassen wir eine liegen, damit die Leute sie aufheben können. … Wir sind hier. Hier sind Verbesserungen vorzunehmen. Das genügt.”

Während die physischen Lebewesen an sich offenbar schon lange tot sind, scheint das Schiff durch die Energie wieder zum Leben zu erwachen. In einer letzten Konfrontation zwischen der inzwischen stark veränderten (der “neuen” und “verbesserten”) Bobbi und Gard, erschießt letzterer Bobbi und löst gleichzeitig einen massiven Waldbrand aus. Er kann zum Schiff gelangen, startet es und fliegt unter Kosten seiner eigenen Energie sterbend (aber lächelnd) ins Universum davon, während die Polizei von Dallas, endlich alarmiert, ausrückt und die seltsamen Veränderungen registriert bzw. verzweifelt versucht, den inzwischen großflächigen Waldbrand zu löschen. Die verbliebenen Tommyknockers sterben schrittweise, entweder durch den Waldbrand, Konfrontation mit der Polizei oder weil ihnen die notwendige Luft des Schiffes zum Überleben fehlt.

Damit der Roman nicht ganz so flach ausfällt, hat King noch brav eine hübsche Rettungsgeschichte eingeflochten, die natürlich gut ausgeht. Zu Beginn lässt ein Junge namens Hilly seinen Bruder David bei einer Zaubervorstellung verschwinden, indem er ihn mittels der “verbesserten” Geräte nach Altair-4, einem Nirgendwo im Universum, schickt. Im Krankenhaus außerhalb von Haven fällt er in einen katatonischen Zustand und sein Großvater Ev Hillman, der als einer der wenigen die Änderungen zu verstehen beginnt (aber von der Presse belächelt wird) fährt zurück nach Haven, um David zu retten. Zwar gelingt ihm dies nicht (er findet das Schiff, wird aber von den Stadtbewohnern im Schuppen übermannt und als Energielieferant bereitgestellt), aber er kann Gard anweisen, wie er David zurückholen kann, bevor er stirbt. Dieser beamt David brav von Altair-4 zu Hilly und beide erwachen im Krankenhaus (… und leben glücklich wie im Märchen).

Mein Fazit

An zahlreichen Stellen verweist King im Roman etwas mühsam auf seine anderen Bücher, indem er (nicht immer ganz natürlich) Figuren oder Orte aus diesen einflechtet. An jenem Strand, Arcadia Beach, New Hampshire, an welchem sich Gard umbringen will, trifft er etwa plötzlich aus Jack aus “Der Talisman“, das Aussaugen der Seele wie es das Ufo tut, vergleicht er mit dem Aussagen des ka wie im “Dunklen Turm“-Zyklus, Menschen beginnen Stimmen aus dem Abfluß zu hören oder Clowns in Gullys zu sehen wie in “Es“, die Wälder erhalten eine ähnliche indianische Geschichte wie in “Friedhof der Kuscheltiere“, die letzten überlebenden Außerirdischen werden in die gleiche Institution wie das “Feuerkind” gebracht und anderes mehr. Auch sich selbst flechtet King ein, wohnt er doch in Wirklichkeit – wie üblich – in der Nachbarschaft, wo der Roman spielt:

“Außerdem schrieb (Bobbi) gute alte Westerngeschichten, die man verschlingen konnte, nichts mit erfundenen Monstern und unanständigen Wörtern wie in den Büchern von diesem Burschen, der in Bangor wohnte.”

Im Endeffekt hat der Roman aber meiner Meinung nach weniger Verbindungen zu all diesen anderen Arbeiten von King, denn vor allem zu “Brennen muss Salem“, da auch hier Menschen zunehmend ferngesteuert sind bzw. ausgesaugt werden und “Shining“, da auch hier Alkohol ein zentrales Thema darstellt bzw. “Sie“, wo Alkohol als Nicht-Existenz bzw. personifiziert in Annie auftaucht. King’s persönliche Probleme in Ehren, scheint der ganze Roman jedoch an vielen Stellen einfach nur im Dusel dahingeschrieben.

Nüchtern das Buch zu lesen ist nicht ganz so reizvoll, unabhängig von der banalen Umsetzung der Ufo-Idee wird einem der Roman vermutlich nur dann zusagen wenn man a) ein ähnliches Problem hat oder b) Gefallen an den Vampiren von “Brennen muss Salem” hatte. Ich persönlich finde, es ist eines der schlechtesten King-Bücher, die ich bisher gelesen habe – außer zahlreichen Wiederholungen und nur oberflächlichen Ideen wenig überraschend oder interessant zu lesen. Wenigstens ein wenig Selbsterkenntnis lässt King manchmal in seinem Selbstlob auch durchscheinen, als er Gard in der Konfrontation mit Bobbi sagen lässt:

“Schau her, ich habe mein ganzes Leben nach dem Teufel außerhalb von mir gesucht, weil der Teufel in mir so verdammt schwer zu fassen war. Es ist schwer, sich so lange einzubilden, man sei … Homer … und dann festzustellen, daß man die ganze Zeit … nur Kapitän Ahab war.”

In diesem Sinne, Kapitän Ahab …

Verbindungen

Verbindung: “Brennen muss Salem” (Vampire ~ Umwandlung Außerirdische)
Verbindung: “Shining” (Alkohol)
Verbindung: “Stark – The Dark Half” (Kampf mit Ich)
Verbindung: “Duddits” (Aliens)
Bibliographie

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