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Horrorbuch Rezension “Sie” von Stephen King (1987)

Nach vier Bänden von Stephen King’s Dunklen Turm habe ich ehrlich gesagt erst einmal genug vom ewigen Hin- und Hergelaufe von Roland. Deshalb kehre ich zurück zum zweiten Teil des Turmzyklus und jenen Büchern, die King im Anschluß daran veröffentlicht hat. Das erste Buch erschien im gleichen Jahr 1987 wie “Drei” und nennt sich im Original “Misery” oder im Deutschen “Sie”. Es ist auch zugleich nach den letzten King Büchern wieder einmal ein durchaus lesenswertes.

Stephen King “Sie” (1987), CropTop

Stephen King “Sie” (1987), CropTop

Worum geht es?

Stephen King “Sie” (1987), Buchdeckel

Stephen King “Sie” (1987), Buchdeckel

Im Gegensatz zu den anderen, älteren Büchern von King, gibt es dieses Mal nicht die typische Figurenkonstellation mit Familie und älterem Freund als Vaterfigur wie in “Friedhof der Kuscheltiere” oder “Shining” und auch nicht die kindlichen Freunde wie in “Es” oder “Der Talisman“.

Die gesamte Geschichte spielt sich bis auf das Ende ausschließlich zwischen den zwei Protagonisten Annie Wilkes und Paul Sheldon ab. Dementsprechend dicht ist der Roman und seine Beschreibung der Figuren und ihrer Interaktionen inklusive Pauls Selbstspiegelung, die zugleich eindeutig die Stärke von King darstellt. Zu meiner persönlichen Freude stehen diese Aspekte auch wesentlich mehr im Vordergrund als kindliche oder erwachsene Sexualität, wie bei fast allen anderen King-Büchern. Und auch übernatürliche Elemente fehlen beinahe gänzlich, was allerdings auch eher zur Stärkung beiträgt.

Der Roman beginnt mit dem langsamen Erwachen des Schriftstellers Paul Sheldon, der einen Autounfall im fiktiven Sidewinder, Colorado hinter sich hat und von der ehemaligen Krankenschwester Annie Wilkes gerettet und gleichzeitig in ihr Haus entführt wurde. Sheldon, der vor allem durch seine romantischen und vom Autor selbst wenig geliebten Belletristik-Romane rund um die Figur Misery Chastain bekannt wurde, zählt zu den Lieblingsschriftstellerin der psychotischen Wilkes.

Bald muss Sheldon allerdings feststellen, daß er von “seinem größten Fan” nicht nur gefangen gehalten, sondern auch psychisch und physisch bis an den Rand seiner Möglichkeiten gequält werden wird. Nachdem ihr sein letzter Roman rund um Misery nicht zusagt und sie ablehnt, daß die Hauptfigur darin stirbt, zwingt sie ihn mittels einer alten Schreibmaschine und zunehmend fehlenden Buchstaben einen neuen Romanteil zu schreiben, in welchem Misery wieder zum Leben erwacht.

Sheldon, dem beim Unfall beide Beine gebrochen wurden, bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Wunsch nachzukommen und seine Schmerzen mittels starker Medikamente zu bekämpfen, die ihn schlussendlich auch in die Abhängigkeit treiben. Völlig abhängig von der manisch-depressiven Wilkes verbringt er Monate und mit abnehmendem Lebenswillen im einsamen Haus, während ihm Wilkes bei Widerworten stückweise Körperteile mit einfachsten Mitteln entfernt.

So werden die beiden fehlenden Buchstaben ‘N’ und ‘E’ seiner Schreibmaschine schließlich auch zu Symbolen für die fehlenden Körperteile, seinen Fuß und Daumen. Am Ende des Romans und auch seiner Kräfte kann er im Anschluss an den Besuch von mehreren Polizisten schließlich Wilkes überwältigen und sich befreien – das spannende Ende des Romans wird sie niemals lesen. Von Alpträumen geplagt kehrt Sheldon in sein altes Leben zurück und es zeichnet sich ein rasanter Verkauf seines neuen Buches ‘Misery’s Rückkehr’ ab. Zuletzt gewinnt Sheldon schließlich auch seinen Schreibwillen zurück und das “Loch im Papier” tut sich wieder auf.

Mein Fazit

So einfach die Geschichte im Kern ist, so komplex strickt King das ambivalente Fan-VIP-Verhältnis der beiden Figuren darum herum und spiegelt damit letztendlich wohl auch zum Teil sein eigenes Verhältnis zu Fans wider. Erst einige Jahre später, nämlich 1991, sollte Stephen King wesentlich mehr Probleme mit seinen Anhängern erhalten, als ihm zu diesem Zeitpunkt vermutlich bewusst war. So wurde er etwa von einem Fan des Plagiats beschuldigt und ein anderes Mal wurde sogar in sein Haus eingebrochen und seine Frau Tabitha bedroht. Obwohl er seine Erfahrungen daraus laut Wikipedia vor allem im Roman “Love” verarbeitete, spiegelt “Sie” doch letztlich auch nicht nur King’s Kampf mit sich selbst, sondern auch mit seiner Umwelt wider.

Daneben erscheinen auch immer wieder Personen und Orte aus anderen Romanen. So handelt es sich beim Ort Sidewinder beispielsweise um jene Ortschaft, die in der Nähe des Overlook-Hotels aus “Shining” liegt und sein seltsames Schicksal rund um den Hausmeister, der das Hotel vor 10 Jahren abgebrannt hat, wird ebenfalls kurz genannt. Es handelt sich genau um jenen Zeitraum, vor welchem King seinen Roman Shining auch tatsächlich veröffentlicht hat. In einem Spiegel-Interview erläuterte der jahrelang von Drogen und Alkohol abhängige Autor außerdem, dass Annie Wilkes zugleich auch seine Angst widerspiegelt, ohne diese Hilfsmittel seine Qualitäten als Schriftsteller nicht zu erreichen.

“Da wird wiederum ein Schriftsteller von einer geistesgestörten ehemaligen Krankenschwester gefangen gehalten. Sie war mein Delirium. Sie war meine Metapher für meine Sucht. Eine verrückte Krankenschwester. … Ich hatte Angst, ich würde nicht mehr schreiben können ohne den Stoff. Aber ich war bereit, das Schreiben aufzugeben, wenn ich dafür meine Liebsten retten könnte.”

Wenig überraschend der Vergleich und wenig überraschend auch der Aufbau des Romans, beschränkt sich King doch auf einige wenige Teile:

  1. Teil: Annie
  2. Teil: Misery
  3. Teil: Paul
  4. Teil: Göttin

Insgesamt ein angenehm und leicht zu lesendes Buch, vor allem durch die geringe Anzahl der Figuren und Konzentration auf ihre Wechselreaktionen aufeinander. Gleichzeitig vermutlich auch kein wichtiges Literaturwerk (selbst bei Reduktion auf die King-Bibliographie) und in ein paar wenigen Tagen zu lesen. Schriftsteller als Protagonisten verwendet King zwar oft, dieses Mal geht er aber sogar soweit ganze Romanseiten vom neuen Misery-Roman im Buch widerzugeben (worauf ich persönlich hätte verzichten können). Am Rande sei auch erneut mein Unwillen zur Übersetzung von Joachim Körber erwähnt, allein beim Titel wäre “Misery” wesentlich besser gewesen als das anonyme “Sie”, aber bitte.

In jedem Fall gibt es einige Ideen im Buch, die durchwegs in der Erinnerung hängen bleiben. Einige Beschreibungen, die gelungen sind und weshalb ich das Buch trotzdem durchaus als lesenswert einstufe, vor allem im Hinblick auf die (auf mich) zermürbend wirkenden Bände von Dunklen Turm.

Verbindungen

Verbindung: “Shining
Verbindung: “Stark – The Dark Half” (Kampf mit Ich)
Verbindung: “Langoliers” (Sicht Leser & Schreiben)
Verbindung: “Das Spiel” (Gefangensein)
Verbindung: “Alpträume” (Schriftsteller zerstört Figur)
Verbindung: “Das Bild” (Misery)
Verbindung: “Six Stories” (arme, alte Frau)
Bibliographie

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