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Horrorsammlung Rezension „Nachtschicht“ von Stephen King (1978)

Nachtschicht ist “nur” eine Kurzgeschichtensammlung von Stephen King aus den 1970er Jahren. Einige der rund 20 Geschichten sind Vor- oder Nacharbeiten zu fertiggestellten Romanen (v.a. “Brennen muss Salem“), zwei Geschichten sind mAn gelungen (“Der Mauervorsprung” und “Die letzte Sprosse”) und der Rest sind mehr oder minder lesenswert (meist minder), nicht selten aber zumindest humorvoll.

Stephen King “Nachtschicht” (1978), CropTop

Stephen King “Nachtschicht” (1978), CropTop

Worum geht es?

Stephen King “Nachtschicht” (1978), Buchdeckel

Stephen King “Nachtschicht” (1978), Buchdeckel

Insgesamt hat Stephen King in dieser Kurzgeschichtensammlung rund 20 Geschichten angehäuft, die es zu keinem Roman „gebracht“ haben. Im Jahr der Publikation hatte Stephen King immerhin schon einige erfolgreiche Roman publiziert: „Carrie“ (1974), sein Erstlingswerk, das ebenfalls sehr erfolgreiche „Shining“ (1977) und noch einige andere Romane wie „Brennen muß Salem“ (1975) und im gleichen Jahr „The Stand“ (1978).

Es war bereits klar, dass King und seine Familie von seinem Tun würden leben können, zumindest aus damaliger Sicht, und King war offenbar der Ansicht, dass die Quantität und das permanente Bedienen des Marktes ein wichtiger Schritt zum Erfolg ist. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir wenige Romane von King eigentlich gefallen, ich aber vor allem die Romane der 1970er Jahre gelungen finde.

Auch die Kurzgeschichtensammlung „Nachtschicht“ hatte für mich einige Höhepunkte, wenngleich auch nicht soviele, wie es denn Geschichten im Buch gab.

Inhaltsverzeichnis

  1. Briefe aus Jerusalem:
    Gleich die erste Kurzgeschichte ist eine Referenz auf “Brennen muss Salem” (1975) – ein Briefroman aus dem 19. Jahrhundert, der bereits erste Berührungen mit der Vampirstadt beschreibt. Mein Mißfallen dem Roman gegenüber hat sich durch die Kurzgeschichte dabei nicht wirklich verbessert.
  2. Spätschicht:
    Eine recht witzige Geschichte, in der es um den Keller einer Spinnerei geht. Während der Reinigung stoßen die Arbeiter auf ein noch darunter liegendes Geschoß mit einer Unmenge an mutierten Ratten, die schließlich in einer Mega-Super-Ratte gipfeln.
  3. Nächtliche Brandung:
    Die relativ kurze Geschichte weist Bezüge zu “The Stand” (1978) auf – auch hier ist eine Katastrophe erfolgt, die halbe Menschheit ausgerottet (wobei die Seuche hier den klingenden Namen A6 hat) und der Rest kommt mehr oder minder sinnvoll miteinander aus.
  4. Ich bin das Tor:
    Die SF-Geschichte erzählt eine recht phantasievolle Geschichte von einem Astronauten, dessen Körper aufgrund des Aufenthaltes im All an mehreren Stellen Augen auszubilden beginnt, die durch ihn die irdische Welt sehen und ihn zu grausamen Taten anstiften.
  5. Der Wäschemangler:
    Ähnlich wie bei der Spätschicht bildet auch hier eine industrielle Umgebung den Hintergrund, allerdings geht es dieses Mal um eine Maschine, den sog. Mangler, der selbständig wird und Menschen zu töten beginnt. Am ehesten sind Bezüge zum erst später erschienenen Roman “Christine” (1983) feststellbar, in welchem ebenfalls Maschinen zum Leben erwachen.
  6. Das Schreckgespenst:
    Eine nette und kindliche Geschichte rund um ein gruseliges Schreckgespenst, das im Schrank wohnt und in der Nacht die Bewohner des betreffenden Schlafzimmers derart erschreckt, daß sie versterben. Auch hier kann man Bezüge eruieren, v.a. zum ebenfalls erst später erschienenen “Cujo” (1981), bei welchem sich auch ein phantastisches Wesen im Schrank versteckt.
  7. Graue Masse:
    Wie Spätschicht ist die Geschichte gruselig und stellenweise traurig, wenn auch nicht ohne Humor. Ein Vater beginnt sich unter Biergenuß zu einer grauen Masse zu verwandeln, bis er schließlich einen einzigen Klumpen bildet und der verschreckte Sohn das Weite sucht.
  8. Schlachtfeld:
    Ähnlich wie Spätschicht oder das Schreckgespenst erneut eine witzige und kreative Kurzgeschichte, bei der es um einen Mörder geht, der vom Ermordeten eine kleine Kiste mit Spielzeugsoldaten bekommt, die zum Leben erwachen und zum Angriff übergehen (inklusive Mini-Raketenwerfer und Mini-Atombombe).
  9. Lastwagen:
    Noch mehr als der Wäschemangler nimmt diese Geschichte den später erschienen Roman “Christine” (1983) vorweg. In diesem Fall sind es wirklich LKWs, die zum Leben erwachen und die Menschheit bedrohen. Ohne dass ich den Roman gelesen habe, fürchte ich allein aufgrund der Kurzgeschichte, dass er  mir nicht wirklich gefallen wird.
  10. Manchmal kommen sie wieder:
    Die Geschichte ist etwas ähnlich gelagert wie “Shining” (1977), ein Lehrer übernimmt einen neuen Job und wird plötzlich von einer bereits toten Straßengang als Schüler eingeholt, die einst seinen Bruder töteten.
  11. Erdbeerfrühling:
    Bei Erdbeerfrühling geht es um eine Reihe von mysteriösen Mädchenmorden, bei denen ein neutraler Beobachter schließlich eine Schlüsselrolle einnimmt.
  12. Der Mauervorsprung:
    Die Geschichte hat mich sehr an die Kurzgeschichten von Roald Dahl erinnert und ist eine der beiden Geschichten, die ich in der Sammlung lesenswert finde. Aufgrund einer Wette muß ein verliebter Jüngling am Rand eines Hochhauses entlangklettern und bis zum Einstiegsbalkon das Haus umrunden.
  13. Der Rasenmähermann:
    Wiederum eine witzige Geschichte, bei der ein Gartenpersonal zum absurden Monster mutiert und nackt den Rasen abmäht, letztlich inklusive Gartenbesitzer.
  14. Quitters, Inc.:
    Ebenfalls eine Geschichte nicht ohne Humor und ähnlich Dahl, dieses Mal geht es aber um eine Firma, die jedem Kunden das Nichtrauchen verspricht, allerdings um einen hohen Preis, nämlich das Bedrohen der eigenen Familie.
  15. Ich weiß, was du brauchst:
    Dieses Zitat stammt von der Hauptfigur der Geschichte, einem gedankenlesenden Studenten, der durch seine Fähigkeiten ein junges Mädchen um den Finger wickelt, bis die Situation eskaliert. Allein durch die Fähigkeiten weist die Geschichte eine gewisse Nähe zu “Shining” (1977) auf.
  16. Kinder des Mais:
    Mais scheint bei King immer eine bedrohliche Gemüsesorte zu sein, wie spätestens seit “The Stand” (1978) klar ist. In diesem Fall verbirgt der Mais aber ein seltsames Ungeheuer, dem Kinder ihre älter werdenden Kollegen opfern, um auf Dauer überleben zu können.
  17. Die letzte Sprosse:
    Hierbei handelt es sich um die zweite (und letzte), meiner Ansicht nach lesenswerte Kurzgeschichte aus der Sammlung. Sie hat eigentlich nichts mit Horror zu tun, sondern ist eine liebevolle Auseinandersetzung mit Kindheit, Erwachsenenwerden und Zerbrechen an letzterem. Zwei Kinder springen in einer Scheune von einem Balken aus zig Metern Höhe immer wieder in einen Heuhaufen, bis die Leiter eines Tages bricht und das Mädchen an der letzten Sprosse in der Luft hängt. Der Bruder schaufelt verzweifelt Heu darunter und rettet die Schwester so, allerdings wird das Mädchen später nicht glücklich im Leben und bereut die Rettung.
  18. Der Mann, der Blumen liebte:
    Eine entbehrliche Geschichte eines jungen Mannes, der verliebt scheint, aber in Wirklichkeit recht wahllos Frauen umbringt.
  19. Einen auf den Weg:
    Und erneut eine Reminiszenz an “Brennen muss Salem” (1975), dieses mal scheint es aber zeitlich eher nach dem Roman zu liegen. Salem’s Lot ist inzwischen abgebrannt und doch verirren sich wieder Menschen dorthin und werden entsprechend vampiristisch ausgesaugt.
  20. Die Frau im Zimmer:
    Diese eher unscheinbare Geschichte beschäftigt sich mit Sterbehilfe, ist aber vermutlich einfach zu kurz für so ein komplexes Thema geraten und deshalb weniger spannend als sie sein könnte.

Mein Fazit

Interessant ist das Vorwort von King, in welchem er versucht auf den Kern von Geschichten seiner Art einzugehen und ihres Anreizes für Leser, indem er sie mit einer verdeckten Gestalt unter einem Tuch vergleicht – als Sinnbild der Entdeckung des eigenen Körpers bzw. der Todesfurcht an sich:

“Es gibt die alte Geschichte über die sieben Blinden, die sieben verschiedene Teile eines Elefanten zu fassen bekommen. Einer von ihnen meinte, er hätte eine Schlange, ein anderer, er hätte ein riesiges Palmblatt, ein dritter, er würde eine steinernde Säule berühren. Als sie ihre Beobachtungen dann zusammentrugen, stellten sie fest, daß es ein Elefant war. Furcht ist die Emotion, die uns blind macht. … Furcht macht uns blind, und wir nähern uns unseren Ängsten mit all der typischen Neugier des Selbstinteresses, indem wir versuchen, aus den Hunderten verschiedenen Ängsten auf das Ganze, die eine große Angst, zu schließen, genau wie die Blinden mit ihrem Elefanten. Kinder erfassen sie leicht, vergessen sie wieder, um sie als Erwachsener erneut zu lernen. Die Sache ist da, und die meisten von uns kommen früher oder später zu der Erkenntnis, womit wir es bei ihr zu tun haben: Es ist die Gestalt eines Körpers unter einem Tuch. All unsere Ängste zusammen ergeben zusammen die eine große Furcht, all unsere Ängste sind Teil dieser einen Furcht – ein Arm, ein Bein, ein Finger, ein Ohr. Wir haben Angst vor dem Körper unter dem Tuch, dieser stummen reglosen Gestalt. Es ist unser Körper. Und die große Anziehungskraft der unheimlichen Phantastik war zu allen Zeiten, daß sie uns als Probeaufführung unseres eigenen Todes dient.”

King geht etwas später in seinem Vorwort auch näher auf die Horrorliteratur an sich ein, die es dem Leser erlaubt Realität mit Illusion zu vermengen und die gleichzeitig als Ablenkung vom Alltag dient:

“Das Genre hat sich selten besonderer literarischer Wertschätzung erfreut. … Das mag daran liegen, daß der Horror-Autor immer schlechte Nachrichten zu melden hat: du mußt sterben, sagt er; er erzählt Ihnen, daß Sie sich nichts aus all der aufbauenden Alltagspsychologie in der Art von “es wird Ihnen immer wieder etwas Gutes widerfahren” machen sollen, denn es wird Ihnen auch immer etwas Schlechtes passieren, und das könnte ein Schlaganfall sein, Krebs, ein Autounfall, aber es kommt bestimmt. Und er nimmt Sie bei der Hand, öffnet Ihnen Ihre Hand, führt Sie in das Zimmer und legt Ihre Hand auf die Form unter dem Tuch… und sagt Ihnen, daß Sie die Gestalt unter dem Tuch berühren sollen … hier … und hier … und da …”

“Natürlich ist das Thema der Angst und des Todes nicht exklusiv für den Horror-Autor reserviert. … Aber nur der Autor von unheimlichen und phantastischen Geschichten gibt dem Leser die Möglichkeit zu einer totalen Identifikation und Katharsis. wer in diesem Genre schreibt und auch nur die blasseste Ahnung hat von dem, was er da tut, weiß, daß es sich bei dem ganzen Gebiet der unheimlichen Phantastik um eien Filter zwischen dem Bewußtsein und dem Unterbewußtsein handelt. Horrorgeschichten sind wie ein U-Bahn-Hauptbahnhof in der menschlichen Psyche, wo sich die blaue Linie dessen, was wir uns unbesorgt aneignen, mit der roten Linie dessen kreuzt, was wir auf die eine oder andere Art wieder loswerden müssen. …  (Der) Horror-Schreiber befindet sich fast immer an jenem zentralen Umsteigebahnhof, an dem sich alle Linien treffen. Wenn er sein Bestes gibt, haben wir oft jenes unheimliche Gefühl, nicht zu wachen und nicht zu schlafen, wenn die Zeit sich zur Endlosigkeit zerdehnt, wenn wir Stimmen hören, aber ihre Worte nicht verstehen, wenn der Traum uns real erscheint und die Realität wie ein Traum. Ein seltsamer und wunderbarer Umsteigebahnhof ist das.”

Zu Guter letzt geht King auch noch auf seine eigenen Ansprüche und Erfahrungen ein:

“Wenn man unheimliche Geschichten liest, glaubt man nicht wirklich, was der Autor da geschrieben hat. Wir glauben nicht an Vampire, Werwölfe oder Lastwagen, die plötzlich von selbst fahren. Die Schrecken, an deren Realität wir alle glauben, sind die, über die Dostojewski, Albee oder MacDonald schreiben: Haß, Entfremdung, ungeliebt alt werden zu müssen, auf unsicheren Teenagerbeinen in eine feindliche Erwachsenenwelt zu stolpern. In unserer realen Alltagswelt sind wir oft wie Theatermasken von Tragödie und Komödie, auf der Außenseite grinsend, nach innen Grimassen schneidend. Und irgendwo in uns gibt es eine Art zentrale Umschaltstelle, einen Transformator, wo die Drähte von den beiden Masken miteinander verbunden sind. … Die Geschichte der Monstrositäten und des Grauens ist ein Korb, vollgepackt mit Problemen; wenn der Schriftsteller vorbei kommt, nimmt man einen von seinen imaginären Schrecken aus dem Korb und legt einen eigenen wirklichen dafür hinein – für eine Zeitlang jedenfalls … Mein ganzes Leben als Schriftsteller bin ich immer von einem überzeugt gewesen: In der Fiktion muß die Geschichte so gut sein, daß sie alle anderen Qualitäten des Autors in den Schatten stellt; Charakterisierung, Stil, Thema, Stimmung, das alles bedeutet nichts, wenn die Geschichte langweilig ist. Und wenn die Geschichte fesselt, kann der Leser alles andere verzeihen. Meine Lieblingszeile in dieser Hinsicht stammt aus der Feder von Edgar Rice Burroughts …: ‘Lesen Sie eine Seite, und ich bin vergessen.’”

Insgesamt waren es damit neben den zwei – meiner Meinung nach gelungenen – Geschichten vor allem das Vorwort, das ich lesenswert fand, da es ein wenig Einblick in das Denken von King gibt.

Verbindungen

Verbindung: “Brennen muss Salem
Verbindung: „Christine
Verbindung: “Jahreszeiten: Frühling und Sommer” (Kurzgeschichten)
Verbindung: „Jahreszeiten: Herbst und Winter“ (Kurzgeschichten)
Verbindung: “Alpträume” (Kurzgeschichten)
Verbindung: “Der Fornit” aus Blut (Überlebenstyp/Mauervorsprung)
Bibliographie

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